Eine Überraschung? Nein – aber eine Sensation!

Manchmal hat man in der Musik das Glück, etwas so einzigartigem, so speziellem und so wunderbaren zu begegnen dass Worte kaum genügen um es zu beschreiben.

Es müssen etwa 100 Aufnahmen des 3.Klavierkonzerts von Rachmaninow in meinem Plattenschrank sein – die frühen Aufnahmen des Komponisten selbst, Horowitz (alle drei! Und natürlich auch die halb-offiziellen), der souverän-entspannte Van Cliburn (ich liebe diese Aufnahme!), der weissglühende Zoltan Kocsis, der technokratisch-brillante (und das Stück verträgt auch das..) Alexis Weissenberg, die spontane Martha Argerich, Earl Wilds rasante Aufnahme aus den 60ern (mit dem grossen Jascha Horenstein – orchestral wohl die beste Aufnahme), natürlich Vladimir Ashkenazys vier (!) Aufnahmen die ein Vierteljahrhundert der Entwicklung und Veränderung nachzeichnen – nun, nicht zu vergessen meine eigene Aufnahme….

Doch nun, nach 18 Jahren des Nachdenkens und der Prüfung, hat Grigory Sokolov der Deutschen Grammophon die Erlaubnis gegeben seinen Mitschnitt aus London von 1999 zu veröffentlichen.

Begleitet wird er vom BBC Philharmonic unter der Leitung von Yan-Pascal Tortelier. Begleitet? Viel mehr als das, Tortelier zeigt sich als echter Partner, setzt ganz eigene symphonische Akzente in dem schwierigen Orchesterpart der immer wieder eine Herausforderung darstellt.

Und Sokolov? Er spielt das so oft als Virtuosenstoff missbrauchte, fast schon zum Wettbewerbsfinal-Standard erniedrigte Werk auf eine Art und Weise, die man nur als wissend bezeichnen kann, mit Worten wie Autorität, Kompetenz und Souveränität.

Seine Tempi brechen keine Geschwindigkeitsrekorde, geben ihm jedoch die Freiheit jede Note des Werks zu geniessen. Sokolov macht in jedem Moment klar wie gut er das Werk kennt, wie sehr er jede Melodie, jede Harmonie und jeden Kontrapunkt in sich aufgenommen hat.

Sein Klang reicht vom zartesten pianissimo bis hin zum stärksten fortissimo – doch niemals lässt er das Klavier schreien, Sokolovs farbiger, voller Klang ist von der ersten bis zur letzten Note ein einziges Vergnügen.

An einigen Stellen verblüffte mich Sokolov mit einigen unerwarteten Dynamiken, plötzliche pianissimi, überraschende Temporückungen. Wer könnte mein Erstaunen beschreiben als ich in die Noten schaute („..was hat er sich denn da ausgedacht..?“) und feststellen musste dass Sokolov ganz einfach das spielt was in den Noten steht, keinesfalls immer die naheliegendste, bequemste Lösung und doch eben diejenige des Komponisten – und wer wusste mehr über das Klavier und seine klanglichen Möglichkeiten als Rachmaninov selbst?

Sokolov spielt alle ossia-Versionen die der Komponist anbietet – die lange Kadenz im ersten Satz und 3 oder 4 kleine Änderungen die dem nicht-Pianisten wohl kaum auffallen werden. Und hier ist nun ein Moment der zeigt, welche einsamen Höhen als Pianist er erreicht hat, aus welchen Möglichkeiten er wirklich schöpfen kann: Vier Takte nach Ziffer 58 im letzten Satz (bei Timecode 8′ 30″ und folgende) hat der Komponist zwei Möglichkeiten gelassen: Ein verhältnismässig einfach zu spielender (da sehr gut in der Hand liegender) Aufgang in Es-Dur oder ein wirklich scheusslich unangenehm zu spielender (und ich habe meine Hausaufgaben gemacht…) Fingerbrecher in Doppelnoten der rechten Hand und einer voller kontrapunktischer Widerhaken steckenden Gegenstimme der linken.

Zu erwähnen, dass Sokolov das im Tempo spielt ist wohl die überflüssigste Bemerkung des Jahres. Dass er alle Noten spielt ohne sich das Leben leichter zu machen ist auch kaum sensationell zu nennen. Was diesen Moment aber zum Ereignis werden lässt, ist dass er diesen wenigen Sekunden eine poetische Qualität gibt, dass er eben nicht nur einen etwas verschraubten Lauf aufsteigen lässt sondern ihm den Klang eines Bächleins gibt, das rasch und gurgelnd über kleine Steine fliesst – unvergesslich, wenn man es einmal gehört hat!

Ich hörte diese Aufnahme während eines meiner langen Waldspaziergänge und ertappte mich plötzlich dabei, ständig von einem Ohr zum anderen zu grinsen – was sonst gar nicht meine Art ist. Es kommt sehr selten vor, dass mich eine Aufnahme so restlos glücklich macht wie diese, sie sei jedem dringend – nein, dringendst! – empfohlen!

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