Ein Wunder? Nein, eine Offenbarung!

Ein Wunder? Nein, eine Offenbarung!

Für einen leidenschaftlichen Sammler von Aufnahmen ist es ein eher seltenes Erlebnis, wirklich überrascht zu werden, eine wirklich aufregende Entdeckung in älteren Aufnahmen zu machen, glaubt man doch schon alles gehört und gesehen zu haben, jede  wirklich interessante Aufnahme auf oft verschlungenen Wegen beschafft zu haben.

Der Name Jean-Rodolphe Kars war mir durchaus geläufig, doch hatte ich noch nie eine seiner Aufnahmen gehört, zu früh waren sie wieder aus den Katalogen verschwunden.

Zunächst gibt es jedoch einige Anmerkungen zu machen: Jean-Rodolphe Kars, richtiger: Père Jean-Rodolphe Kars wurde 1947 in eine jüdische Familie geboren. Er wurde früh Schüler der Pariser Conservatoire, studierte bei Jean Fassina (Lehrer u.a. von Michel Béroff, Jacques Rouvier und Jean-Louis Hagenauer) und dem früh verstorbenen Julius Katchen und war 1966 Preisträger bei der Leeds Piano Competition.

Für einige Jahre reiste er nun als Pianist um die Welt, mit einem großen Repertoire von Bach bis Schönberg.

Für Decca nahm er u.a. die Préludes von Debussy, das Klavierwerk von Schönberg und das Klavierkonzert von Frederick Delius auf.

1975 rat er nach einem Erweckungserlebnis zum Katholizismus über, beendete in der Folge 1981 seine Karriere und wurde 1986 zum Priester geweiht. 

Er ist nie wieder als Pianist aufgetreten.

1976 gab er ein Konzert in Amsterdam, bei dem er Olivier Messiaens gewaltigen, 20teiligen Zyklus „Vingt Regards sur l’enfant Jesus“ an einem Abend aufführte. Dieses Konzert wurde glücklicherweise mitgeschnitten und wurde vor einiger Zeit bei Piano Classics als CD wieder veröffentlicht (ausserdem bei iTunes erhältlich).

Ich stolperte eher zufällig über diese Aufnahme, im Rahmen eines weiteren Versuchs,  diesem großen Meisterwerk etwas näher zu kommen. Denn so sehr ich Messiaens Zyklus immer bewundert habe, so fremd blieben mir doch viele Teile, etwa, das fast brutale „Noel“, das pédal rythmique“ in „La parole toute-puissante“ oder das mir immer dröge und zu lang erscheinende Schlusstück „Regard de l’eglise d’amour“.

Natürlich bewunderte ich immer das gewaltige intellektuelle  Konzept Messiaens, spielte auch selbst die mir emotional zugänglichen Stücke, doch blieb immer ein respektvoll bewundernder Abstand, ein innerer Kampf mit den Klängen.

Jean-Rodolphe Kars geht das Werk ganz anders an als viele seiner Vorgänger: Wo andere Pianisten versuchen, die kompositorischen Prozesse analytisch nachzuvollziehen, die formalen Zusammenhänge offenzulegen, spielt er einfach unmittelbar, wie aus vollem Herzen.

In den schnellen Stücken versetzt Kars in Staunen, denn seine Tempi sind alles andere als gemütlich oder gar vorsichtig. Den virtuosen Auskehr des ersten Teils, das berühmte „Regard de l’esprit de joie“ geht er – live, vor Mikrofonen! –  in einem Tempo an, das auch großen Pianisten Angst einjagen würde, weit schneller als der manuell nun wirklich mit schnellen Reflexen gesegnete Michel Béroff oder auch als die Frau des Komponisten, die große Yvonne Loriod.

Trotzdem schafft Kars das scheinbar unmögliche: Nicht nur trifft er alle Noten (oder zumindest fast, über den ganzen Zyklus sind nur ein paar wenige, wirklich völlig unwichtige „Berührer“ zu hören), sondern er schafft es in diesem scharfen Tempo auch noch, das Werk mit Leben und Klang zu erfüllen.

Kars’ Klang ist überhaupt die Entdeckung dieser Aufnahme: Vom zartesten pianissimo in „Le baiser de l’enfant Jesus“, bis hin zu großen, extatischen fortissimo-Höhepunkten, die doch nie brutal oder gewalttätig werden. 

Jean-Rodolphe Kars gelingt in diesem Mitschnitt etwas unglaubliches: Er schafft es, das ganze, gewaltige Riesenwerk unter einem einzigen, großen Bogen zusammenzufassen, ohne dabei jemals den Blick aufs Detail zu verlieren. 

Durch seine Hände erscheint Messiaens Werk plötzlich wie eine einzige große Steigerung, vom kontemplativen ersten Satz hin zu „Regard de l’esprit de joie“, vom schmerzlich-zarten „Regard de la Vierge“ über den „Kuss des Jesuskinds“ (Le baiser de l’enfant Jesus) bis hin zum gewaltig-apotheotischen Schlußsatz, der in Kars’ Interpretation eben nicht wie Lärm erscheint, sondern wie eine Apotheose des Glaubens, eine Klang gewordene Gotteserscheinung. 

Nie gleitet Kars in Larmoyanz ab, nie ist ein uninspirierter oder unerfüllter Ton zu hören und nie weicht er der Musik durch puren analytischen Vollzug aus, sondern er erfüllt jeden Ton mit einem inneren Leuchten, einer lebendigen Überzeugung, einem Glauben, der das Zuhören zu einem einzigen Vergnügen macht. 

Dies soll nicht all die anderen Aufnahmen herabwürdigen!

Jeder Pianist, der diese Aufgabe bewältigt darf sich der größten Bewunderung gewiß sein, sei es Yvonne Loriod, die den Zyklus gleich dreimal aufnahm, seien es die eher analytischen Roger Muraro und Louise Bessette, seien es Hakon Austbo, Pierre-Laurent Aimard, der intime Kammermusiker Peter Serkin oder natürlich der strahlend-schlanke Michel Béroff, alle haben großartige Aufnahmen hinterlassen.

Und doch übertrifft sie Kars in meinen Ohren alle. Denn sein unmittelbarer, weder durch manuelle Schwierigkeiten noch durch musikalische Verständnisprobleme verstellter Zugang zu Messiaens Musik eröffnet eine vollkommen neue Welt, eine Welt voller Wunder und voller Freude. Es bleibt zu hoffen, dass kein Klavieraffiner sich diese Aufnahme entgehen lässt.

Jean-Rodolphe Kars mag nicht viele Aufnahmen hinterlassen haben, aber allein für diesen Mitschnit ist ihm für alle Zeiten ein Platz im Pianistenolymp sicher!

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