Das iPad im Konzert

Das iPad im Konzert

Vorteile, Probleme und Risiken

Viele Musiker sind inzwischen dabei zu beobachten: Sie spielen im Konzert vom iPad, seien es Yuja Wang oder Artur Pizarro, die Trompeterin Tine Thing Helseth oder auch Musiker in verschiedenen Orchestern, wie die Bamberger Symphoniker oder das Norwegische Kammerorchester.

Ich persönlich habe 2011 damit angefangen, inspiriert von dem damals noch jungen Programm ForScore auf dem iPad 2. 

Die Vorteile sind offensichtlich: Man hat immer alle Noten dabei. Alle. Es spielt einfach keine Rolle mehr, wieviele Noten man mitnehmen möchte – das iPad wiegt immer gleichbleibend plus/minus 500 Gramm.

Ausserdem sind die Noten immer perfekt beleuchtet, man kann sie vor weißem oder sepiafarbenem Hintergrund (wie bei etwas gealtertem Papier) oder auch invertiert (also weiß auf schwarz) anzeigen lassen.

Auch das Umblättern ist unkompliziert gelöst, für den Fall man keine Hand frei hat kann man auf Bluetooth-Pedale zurückgreifen.

Eintragungen nimmt man einfach mit dem Stylus vor, der auch wieder Geld kostet, mir jedoch für diesen Zweck unverzichtbar erscheint.

Aber auch auf die Probleme, die man vorher nicht hatte möchte ich eingehen:

Das Umblättern per Bluetooth-Pedal will erlernt und in einen automatischen Ablauf eingebunden werden. Ich persönlich benutze das Pedal nur, wenn es unbedingt nötig ist und blättere sonst von Hand um – was auch gelernt sein will, mehr als einmal habe ich anfangs ein Gerät mit dem über Jahrzehnte erlernten Reflex vom Pult gefegt!

Wenn man dann allerdings, wie es mir hin und wieder passiert, anfängt in gedruckten Noten zwei Finger aufzulegen und auseinanderzuziehen, um eine Stelle zu vergrössern (sic!), weiß man, dass man sich an die neue Technik gewöhnt hat.

Auch die Suche nach der perfekten Position, insbesondere für Pianisten, kann einige Zeit in Anspruch nehmen – ich habe mit verschiedenen Halterungen, Kissen und, auch das, mit einem zusammengerollten T-Shirt (derzeit meine erste Wahl) als Unterlage experimentiert.

Natürlich kann man auch das herkömmliche Notenpult nutzen, was am Klavier allerdings nicht sehr vorteilhaft aussieht.

Es braucht eine gewisse Disziplin, immer daran zu denken, das Gerät rechtzeitig aufzuladen – eine kleine Tragetasche (gibt es billig in unendlich vielen Variationen), in der noch Platz für ein zweites Ladegerät ist, beruhigt die Nerven ungemein.

Zur Zeit gibt es zum selben Preis zwei, auf ihre jeweilige Art in meinen Augen gleichwertige  Apps.

Forscore ist der langjährige Platzhirsch. Newzik drängt allerdings mit Macht auf den Markt.

Beide haben ihre Stärken und Schwächen, doch ist es zum jetzigen Zeitpunkt, Ende 2018, unmöglich eine echte Empfehlung auszusprechen.

Beide bieten umfangreiche Einstellungsmöglichkeiten, beide sind hervorragend an den Apple Pencil angepasst, so dass die Entscheidung letztlich die des perönlichen Geschmacks bleibt. Es ist allerdings deutlich zu bemerken, dass die Konkurrenzsituation beiden Apps gut tut: Updates und Funktionserweiterungen folgen deutlich dichter aufeinander als früher, wohl auch dadurch bedingt, dass das iPad auf  dem Notenpult immer alltäglicher wird.

Die Henle-App ist wirklich gut, allerdings in erster Linie ein elektronisches Frontend für den hauseigenen Store und auf die Noten des Henle-Verlags beschränkt.

Die neue App nkoda ist so etwas wie Spotify für Noten – man kann sich für 10€ im Monat Noten aller in der App vertretenen Verlage – und das sind viele! – ansehen, allerdings nur das. Ausdrucken oder gar durch die App kaufen ist nicht möglich, sicher auch, weil erste Verlage (Schott) damit begonnen haben, Noten per Download zu verkaufen.

Seit einiger Zeit gibt es übrigens auch ein neues Gerät namens Gvido (https://www.gvido.tokyo) auf dem Markt, das im wesentlichen aus zwei verbundenen E-Book-Displays in A4-Größe besteht – allerdings auch nochmals deutlich teurer ist. (Stand 1.11.2018: 1.700€, Pedal 300€, Tasche 300@)

Eine Bemerkung zum Pencil: Auch wenn dieser in seiner 2.Generation nochmals teurer geworden ist, die Anschaffung lohnt sich! Man kann zwar Fingersätze und Eintragungen aller Art auch mit dem Finger vornehmen, aber mit dem Pencil geht es doch um ein vielfaches schneller und präziser. Ein Blick auf die Möglichkeiten, die die Apps dafür bieten – Strichstärke, Farbe, Deckungsgrad – lohnt sich sehr, amüsant finde ich immer wieder den elektronischen Radiergummi. 

Einige Gedanken möchte ich der Verwendung im Orchester zukommen lassen, dies jedoch im voraus: Es sollte meiner Meinung nach jedem Musiker überlassen werden, ob er vom iPad spielen will oder nicht.

Nicht nur der Aspekt der Anschaffungskosten für ein Gerät, das recht schnell veraltet und nur zur Verwendung als Notenersatz einfach zu teuer ist, sollte nicht ausser Acht gelassen werden.

Auch können grosse Schwierigkeiten auftreten, wenn ein wenig technikaffiner Kollege ein Gerät einfach vorgesetzt bekommt. Wie verhalte ich mich, wenn plötzlich das Licht ausgeht (was man in den Einstellungen unterbinden kann, aber wo sind die Einstellungen..)? Was mache ich, wenn es mit dem Umblättern nicht klappt? Wie verändere ich die Helligkeit und warum sehe ich plötzlich „Kevin allein zu Haus“?

Wer das Gerät also nicht ohnehin im Alltag ständig benutzt, sollte sich der Fussangeln der mangelnden Vertrautheit gewahr sein – auch wenn das Betriebssystem das gleiche wie das des iPhones ist, die verwendeten Apps sind eben doch anders und spielen nach ihren eigenen Regeln! 

Auch der Aspekt der Größe spielt, gerade mit zunehmendem Alter, eine wichtige Rolle: Während zum Beispiel Tine Thing Helseth mit ihrem kleinen iPad offenbar wunderbar zurechtkommt, ist für einen Weitsichtigen wie mich das 12,9 Zoll-Modell trotz Brille gerade eben ausreichend – der Preis dafür ist allerdings weit mehr als nur ausreichend…… 

Ein wichtiger Aspekt, der gerne vergessen wird: Die Qualität der gescannten Noten. Auch der beste Bildschirm kann aus einem kontrastarmen, unscharfen Scan nichts herauszaubern. Die nötige Sorgfalt bei der Erstellung gut lesbarer und auf den Bildschirm zugeschnittener pdfs kostet wieder Zeit – Zeit, die man ausser durch gute Lesbarkeit nicht bezahlt bekommt und die bei Verwendung gedruckter (natürlich sollte man immer das Original besitzen…) oder als Download gekaufter Noten gar nicht erst anfällt.

Auch auf den Notenbibliothekar sollte man diese Aufgabe nicht abwälzen. Sie ist zeitaufwendig und undankbar, da mancher vielleicht gerne breite Ränder hat, ein anderer wiederum am liebsten gar keine, ausserdem muss eine elektronische Stimme immer auch noch nachkontrolliert werden, z.B auf Vollständigkeit der Seiten – der Fehlerquellen sind da viele!

Doch sollte sich niemand entmutigen lassen! Ich persönlich kann mir das Musikerdasein ohne iPad schon gar nicht mehr vorstellen – und zum Notenschleppen früherer Tage will ich definitiv nicht mehr zurück!

Ein Nachsatz zur Anschaffung: Ich bin seit 1983 (der gute, alte Apple II…) Apple-Nutzer, man möge mir verzeihen, wenn meine Android-Erfahrungen sehr lückenhaft sind und ich mich deswegen auf das iPad beschränke.

Die Geräte ohne Retina-Display – das Ur-iPad, das iPad 2, sowie das erste iPad Mini – machen keinen rechten Sinn als Notenersatz: Die Bildschirmauflösung ist einfach zu gering und die Geräte zu langsam.

Alle anderen Geräte sind grundsätzlich tauglich. 

Man sollte sich zunächst über die bevorzugte Größe im klaren werden. Am besten, man geht mit der Brille bzw. den Kontaklinsen die man auf der Bühne trägt zum Händler und probiert das Gerät mit einer für das jeweilige Instrument realistischen Leseentfernung aus. 

Ist die Entscheidung auf das mini (7,9 Zoll) gefallen, ist alles ganz einfach: Es gibt nur eine Speichergröße.

In der mittleren Größe (9,7 Zoll) gilt es, sich zwischen 32 und 128 GB zu entscheiden – wer keine Filme und nur wenig Musik mitnehmen will, kommt mit der kleinen Größe (UVP 349€) wunderbar zurecht, für Noten ist allemal genug Platz. Dieses Gerät ist außerdem Apple Pencil-fähig!

Das iPad Pro ist nochmals größer (11 oder 12,9 Zoll) und bietet einen nochmals verbesserten Bildschirm, allerdings auch zu bemerkenswerten Preisen ab ca.900 €.

Ich gestehe: Ich musste das neue iPad Pro 12,9 haben. Für mich ist das Gerät aber auch Laptop- und Büro-Ersatz. Viel Musik, meine Lieblingsserien, meine Korrespondenz, meine Texte und vieles mehr begleiten mich darauf überall hin – auch dieser Text entsteht darauf.

 

 

 

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