Das iPad im Konzert

Das iPad im Konzert

Vorteile, Probleme und Risiken

Im Mannheimer Nationaltheater

Viele Musiker sind inzwischen dabei zu beobachten: Sie spielen im Konzert vom iPad, seien es Yuja Wang oder Artur Pizarro, Paul Lewis, der Geiger Nicolas Dautricourt, die Trompeterin Tine Thing Helseth oder auch Musiker in verschiedenen Orchestern, wie den Bamberger Symphonikern oder dem Norwegischen Kammerorchester.

Ich selbst habe 2011 damit angefangen, inspiriert von dem damals noch jungen Programm ForScore auf dem iPad 2. 

Die Vorteile sind offensichtlich: Man hat immer alle Noten dabei. Alle. Es spielt einfach keine Rolle mehr, wieviele Noten man mitnehmen möchte – das iPad wiegt immer gleichbleibend 300 (iPad mini) – 723 (iPad Pro 12,9) Gramm.

Ausserdem sind die Noten immer perfekt beleuchtet, man kann sie vor weißem oder sepiafarbenem Hintergrund (wie bei etwas gealtertem Papier) oder auch invertiert (weiß auf schwarz) anzeigen lassen. Das mag sehr banal klingen, kann aber auf schlecht ausgeleuchteten Bühnen (und man sitzt als Pianist im Orchester oft am Rand) ein sehr entscheidender Faktor sein.

Umblättern ist einfach, falls man zu oft keine Hand frei hat kann man auf Bluetooth-Pedale, z.B. von Pageflip, iRig oder Donner zurückgreifen.

Eintragungen nimmt man einfach mit dem Stylus vor, der zwar auch wieder Geld kostet (99 bzw. 135 €), mir jedoch Inzwischen unverzichtbar erscheint.

Auch auf die Probleme, die man vorher nicht hatte möchte ich eingehen:

Das Umblättern per Bluetooth-Pedal will erlernt und in einen automatischen Ablauf eingebunden werden. Ich persönlich benutze das Pedal nur, wenn es unbedingt nötig ist und blättere sonst von Hand um – was auch geübt sein will, mehr als einmal habe ich anfangs ein Gerät mit dem über Jahrzehnte erlernten Reflex vom Pult gefegt!

Wenn man dann allerdings, wie es mir hin und wieder passiert, anfängt, in gedruckten Noten zwei Finger aufzulegen und auseinanderzuziehen, um eine Stelle zu vergrössern (sic!), weiss man, dass man sich an die neue Technik gewöhnt hat.

Auch die Suche nach der perfekten Position kann einige Zeit in Anspruch nehmen. Ich habe mit verschiedenen Halterungen, Kissen, mit einem zusammengerollten T-Shirt und, auch das, mit einem gerollten schwarzen Handtuch (derzeit meine erste Wahl) als Unterlage experimentiert.

Im Studio des SWR Kaiserslautern – zwei Pianisten mit insgesamt drei iPads bei der CD-Aufnahme

Natürlich kann man auch das herkömmliche Notenpult nutzen, was am Flügel allerdings nicht sehr vorteilhaft aussieht. Am Cembalo oder der Truhenorgel verwende ich aber immer einen Notenband oder eine Mappe – der optische Stilbruch ist sonst einfach zu groß.

Die großartige Pianistin Simone Dinnerstein (hören Sie ihre himmlischen Goldberg-Variationen!) hat ein wunderbares Stativ für den Flügel, von ihrem Mann entworfen und gebaut – ich persönlich würde es allerdings spätestens am dritten Abend irgendwo vergessen….

Es braucht eine gewisse Disziplin, immer daran zu denken, das Gerät rechtzeitig aufzuladen. Eine kleine Tragetasche (gibt es billig in unendlich vielen Variationen), in der noch Platz für ein zweites Ladegerät ist, beruhigt die Nerven ungemein, ebenso wie eine Powerbank, sofern man daran gedacht hat, diese zu laden, natürlich! Auf unserem Küchentisch liegt ein Ladegerät mit 5 Ports an dem alle möglichen Geräte laden, keine sehr familienfreundliche Lösung, aber sehr, sehr beruhigend.

Am Cembalo…

 

Software – mit welchem Programm stelle ich Noten auf dem iPad dar?

Forscore war anfangs der Platzhirsch, neben einigen, einfachen Ansprüchen genügenden Gratisprogrammen.

Newzik ist das jüngere Programm, hat aber mittlerweile eine eindrucksvolle Entwicklung genommen und ist das Programm meiner Wahl geworden, schnell, unkompliziert und in ständiger Weiterentwicklung begriffen.

Newzik bietet umfangreiche Anpassungsmöglichkeiten, ist hervorragend an den Apple Pencil und die iPads angepasst. Updates und Funktionserweiterungen folgen dicht aufeinander, wohl auch Weil das iPad auf dem Notenpult immer alltäglicher wird und die Programmierer immer mehr Rückmeldung bekommen

Ein großer Durchbruch, wie ich finde, ist Newzik dadurch gelungen, die Verlage ins Boot zu holen. Wenn ich zB bei der Universal-Edition auf deren Portal für elektronische Noten „UE-Now“ (www.universaledition.com/ue-now) einkaufe, wird mir anschließend angeboten, die entsprechenden Noten direkt in Newzik zu laden.

Der ganze Vorgang ist noch nicht ganz ausgereift (ich würde mir zB bei allen Werken Vorschauen wünschen), aber in Zeiten, in denen immer mehr Notenhändler ihre Pforten schließen, ist das ein sehr positives Signal, dem sich hoffentlich bald die anderen Verlage anschließen! Der Schott-Verlag sei hier als ein Vorreiter genannt, denn schon seit einiger Zeit kann man dort viele Neuerscheinungen elektronisch kaufen und dann in Newzik laden.

Im Probespiel unverzichtbar – nie mehr Probleme mit Kandidaten, die ihre Klavierstimmen vergessen haben!

Übrigens gibt es Newzik mittlerweile auch für das iPhone, im Landscape-Modus (also bei quer gehaltenem Gerät) ist das viel mehr als eine reine Notlösung. Hier schlägt natürlich die grosse Stunde des iPad Pro 12,9, auf dem man im Querformat noch zwei Seiten nebeneinander gut lesen kann 

Als besonderes Zuckerstück sei die Newzik-eigene Cloud erwähnt, die alle Werke der eigenen Bibliothek enthält und diese – sowie die darin vorgenommenen Einzeichungen! – über mehrere Geräte hinweg synchronisiert. Wenn ich also mein Gerät verliere, vergesse oder zerstöre, kann ich meine Noten jederzeit auf ein neues oder auch nur geliehenes Gerät synchronisieren, da die Newzik-ID nicht identisch ist mit der Apple-ID, ich also auch meine Newzik-Umgebung auf einem fremden Gerät einrichten kann. Für mich, der nach 36 Jahren mit Computern den Satz: „Es gibt nichts besseres als ein Backup, ausser einem Reserve-Backup!“ verinnerlicht hat, sehr, sehr beruhigend zu wissen…..

Die Henle-App ist in erster Linie ein elektronisches Frontend für den hauseigenen Store und auf die Noten des Henle-Verlags beschränkt. Ich persönlich kämpfe immer aufs neue mit den Begrenzungen des Annotationswerkzeugs, die direkt bedingt sind durch die Möglichkeiten der App, das gesamte Notenlayout zu ändern. Der stetig wachsende Store, in dem man inzwischen große Teile des Henle-Katalogs erstehen kann, ist aber natürlich ein Highlight!

nkoda ist so etwas wie Spotify für Noten – man kann sich für 10€ im Monat Noten aller in der App vertretenen Verlage – und das sind viele! – ansehen, allerdings nur das. Ausdrucken oder mit Hilfe der App kaufen ist aber nicht möglich.

Seit einiger Zeit gibt es ein neues Gerät namens Gvido (https://www.gvido.tokyo) auf dem Markt, das im wesentlichen aus zwei verbundenen E-Book-Displays in A4-Größe besteht – und nochmals deutlich teurer ist (Stand 01.04.2019: 1.700€, Pedal 300€, Tasche 300€).

Dieses Gerät ist in Relation zu seiner Größe unglaublich leicht, hat allerdings enge Grenzen, da es im Grunde nur ein riesiger ebook-Reader ist: Das Umblättern ist langsamer und es gibt keine Hintergrundbeleuchtung.

Gerade diese ist aber ein gewaltiger Vorteil des iPads: Die Noten sind immer perfekt beleuchtet und zeigen dadurch immer einen perfekten Kontrast. Für ältere Augen (Zitat meiner sehr jungen Optikerin: „Ja, bei einem Mann in Ihrem Alter…“) ist das ein echter, nicht zu unterschätzender Vorteil!

Eine Bemerkung zum Pencil: Auch wenn dieser in seiner 2.Generation nochmals teurer geworden ist, die Anschaffung lohnt sich! Man kann zwar Fingersätze und Eintragungen aller Art auch mit dem Finger vornehmen, aber mit dem Pencil geht es doch um ein vielfaches schneller und präziser. Ein Blick auf die Möglichkeiten, die Newzik dafür bietet – Strichstärke, Farbe, Deckungsgrad, breiter transparenter Marker – lohnt sich sehr, amüsant finde ich immer wieder den elektronischen Radiergummi. 

Pina-Bausch-Theater, Essen

Einige Gedanken möchte ich der Verwendung im Orchester zukommen lassen, dies jedoch im voraus: Es sollte meiner Meinung nach jedem Musiker überlassen werden, ob er vom iPad spielen will oder nicht.

Nicht nur der Aspekt der Anschaffungskosten für ein Gerät, das recht schnell veraltet und nur zur Verwendung als Notenersatz einfach zu teuer ist, sollte nicht ausser Acht gelassen werden.

Auch können grosse Schwierigkeiten auftreten, wenn ein wenig technikaffiner Kollege ein Gerät einfach vorgesetzt bekommt. Wie verhalte ich mich, wenn plötzlich das Licht ausgeht (was man in den Einstellungen unterbinden kann, aber wo sind die Einstellungen..)? Was mache ich, wenn es mit dem Umblättern nicht klappt? Wie verändere ich die Helligkeit und warum sehe ich plötzlich „Kevin allein zu Haus“?

Wer das Gerät also nicht ohnehin im Alltag ständig benutzt, sollte sich der Fussangeln der mangelnden Vertrautheit gewahr sein – auch wenn das Betriebssystem dem des iPhones sehr ähnlich ist, die verwendeten Apps sind eben doch anders und spielen nach ihren eigenen Regeln! 

Auch der Aspekt der Größe spielt, gerade mit zunehmendem Alter, eine wichtige Rolle: Während Tine Thing Helseth mit ihrem kleinen iPad offenbar wunderbar zurechtkommt, ist für einen Weitsichtigen wie mich das 12,9 Zoll-Modell trotz Brille gerade eben ausreichend – der Preis dafür ist allerdings weit mehr als nur ausreichend…… 

Auch das kommt vor: Das iPad als Equalizer, um ein klanglich indiskutables Einspielband erträglich zu machen – auch das kann zu den Aufgaben eines Pianisten gehören!

Ein sehr wichtiger Punkt: Die Qualität der gescannten Noten. Auch der beste Bildschirm kann aus einem kontrastarmen, unscharfen Scan nichts herauszaubern. Die nötige Sorgfalt bei der Erstellung gut lesbarer und auf den Bildschirm zugeschnittener pdfs kostet Zeit – Zeit, die man nur durch gute Lesbarkeit entlohnt bekommt und die bei Verwendung gedruckter (natürlich sollte man immer das Original besitzen, meine Bibliothek bedeckt eine ganze Zimmerwand…) oder als Download gekaufter Noten gar nicht erst anfällt.

Auf den Notenbibliothekar sollte man diese Aufgabe nicht abwälzen. Sie ist zeitaufwendig und undankbar, da mancher vielleicht gerne breite Ränder hat, ein anderer wiederum am liebsten gar keine, ausserdem muss eine elektronische Stimme immer auch noch nachkontrolliert werden, z.B auf Vollständigkeit der Seiten – der Fehlerquellen sind da viele!

Doch sollte sich niemand entmutigen lassen! Ich persönlich kann mir das Musikerdasein ohne iPad schon gar nicht mehr vorstellen – und zum Notenschleppen früherer Tage will ich definitiv nicht mehr zurück! Es lohnt sich also wirklich, sich mit den entsprechenden technischen Grundlagen vertraut zu machen.

 

Welches Gerät ist das beste?

Ich bin seit 1983 (der gute, alte Apple II…) Apple-Nutzer, Ich beschäftige mich immer wieder auch mit Android-Geräten Erfahrungen gesammelt, möchte mich hier aber auf das iPad beschränken, da die entsprechenden Apps zur Zeit nur unter iOS/iPadOS laufen.

Die Geräte ohne Retina-Display – das Ur-iPad, das iPad 2, sowie das erste iPad Mini – machen keinen rechten Sinn: Die Bildschirmauflösung ist einfach zu gering und die Geräte zu langsam. Ausserdem sind sie heute (November 2019) auch schon älter als 6 Jahre.

Alle anderen Geräte sind grundsätzlich tauglich. 

Hier ist der Vorteil des beleuchteten Bildschirms wohl evident.

Man sollte sich zunächst über die bevorzugte Größe im klaren werden. Am besten, man geht mit der Brille bzw. den Kontaklinsen die man auf der Bühne trägt zum Händler und probiert das Gerät mit einer für das jeweilige Instrument realistischen Leseentfernung aus. 

Das iPad mini (7,9 Zoll) gibt es mit 64 oder 256 GB, beginnend bei 449€.

In der mittleren Größe (10,2 Zoll) gilt es, sich zwischen 32 und 128 GB zu entscheiden – wer keine Filme und nur wenig Musik mitnehmen will, kommt mit der kleinen Größe (UVP 379€) wunderbar zurecht, für Noten ist allemal genug Platz, meine derzeitige Newzik Bibliothek umfasst über 700 Werke und nimmt knapp 7 GB in Anspruch.

Alle aktuellen iPads sind Pencil-fähig, allerdings gibt es zwei verschiedene Versionen des Pencils, wer sich nicht sicher ist geht am besten mit dem Gerät zum Fachhändler seines Vertrauens.

Das iPad Pro ist nochmals größer (11 oder 12,9 Zoll) und bietet einen nochmals verbesserten Bildschirm, allerdings auch zu Preisen ab ca.900 €.

Ich persönlich verwende das neue iPad Pro 12,9, für mich ist das Gerät aber auch Laptop- und Büro-Ersatz. Meine Musiksammlung, Filme und Serien, die tägliche Korrespondenz, meine Texte und vieles mehr begleiten mich darauf überall hin – auch dieser Text entsteht darauf.

 Es ist mit etwas Einarbeitung durchaus möglich, mit dem iPad den Laptop zu ersetzen, ich habe zuhause nur noch einen kleinen Mac Mini im Regal stehen und vermisse nichts.

Die gedruckte Stimme bleibt trotz allem unverzichtbar

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.