„Auf jeden Fall müssen wir eine Gesellschaft bleiben“ – Ein Gespräch mit Beat Fehlmann

„Auf jeden Fall müssen wir eine Gesellschaft bleiben“

Ein Gespräch mit Beat Fehlmann,

seit dem 1.9.2018 Intendant der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz 

Dieses Interview wurde zwischen dem 11.Februar und dem 2.Mai 2019.in Ludwigshafen/Rhein geführt.

Beat Fehlmann spricht ein ungemein reiches, sehr individuell gefärbtes, idiomatisches Deutsch. Die Bedächtigkeit, mit der er formuliert täuscht, denn der Reichtum seiner Sprache, sein Wortschatz lässt selbst Muttersprachler zum Duden greifen.

Ich habe versucht, die Eigenart seiner Ausdrucksweise, die Komplexität seiner Gedankengänge soweit möglich unverändert zu dokumentieren. 

Kai Adomeit: Worin unterscheiden sich eigentlich Deutscher und Schweizer Humor? 

Und: Ist es wahr, dass die Schweizer so calvinistisch-diszipliniert sind, dass sie sich niemals langweilen?

Beat Fehlmann: Mit dem Humor, da weiß ich nicht, was der Unterschied ist. Ich glaube, es gibt auf beiden Seiten definitiv Humorlosigkeit, die ist in beiden Ländern verbreitet und ich glaube, das ist in beiden Fällen schade. 

Ich weiß es tatsächlich nicht.

Mit der Disziplin: Ich glaube schon, dass das eine Rolle spielt, aber das ist so ein Lebensgefühl, so eine Art, die schon vieles durchdringt, aber das geht noch weiter als nur um emsiges Arbeiten oder auch nicht: Es ist auch diese Art von Zurückhaltung, dass man nicht nach aussen stellt, was man ist, was man hat und die andere Seite ist der Zweifel, der immer mitschwingt. 

Etwas was wir Schweizer glaube ich nicht gut können ist: „Ich“ sagen. Das können Deutsche viel besser. 

Es gab ja eine Zeitlang in der Schweiz etwas wie ein „Deutschland-Bashing“, ich glaube, das ist vorbei – so meine Wahrnehmung – und ich glaube, dass viele darunter gelitten haben, dass Deutsche mit einer Selbstverständlichkeit Dinge so hinstellen können während wir immer noch parallel mitdenken: „Ja, aber es gibt natürlich auch noch die andere Perspektive“. Es fällt uns dann schwer, das abzustellen, führt aber dazu, dass wir viel seltener sagen: „Ja, das ist aber so und so und das machen wir jetzt so!“ 

Das führt natürlich ein bisschen dazu, dass man glaube ich nicht immer sicher ist, ob das dann auch eine Durchsetzungskraft hat, dass man also trotz des Zweifels zielorientiert vorgehen kann, vielleicht nicht zielgerichtet im Sinne von: „Wir schlagen jetzt hier die Schneise und mir ist es egal, jetzt geht es hier durch“, sondern eher „..kann ja sein“. Da ist dieses Relativieren, man kann sich nie sicher sein, dass das nicht in der Kommunikation manchmal auch hindert, das im „so ist es!“ nicht jeder weiss: „naja gut, also…“.

Ich glaube, das war so ein Problem für eine gewisse Zeit, dass man so in dieses Dilemma kommt: „Soll ich jetzt auch vereinfachen?“, weil es so wahrgenommen wird, „Soll ich das jetzt ausblenden? Aber ich denk doch das automatisch mit!“

Ich glaube, dass wir uns etwas besser daran gewöhnt haben, vielleicht auch besser geworden sind, ich weiss es nicht.

Auf der anderen Seite funktioniert genauso ja letzlich unser System, nicht so stark im polaren ich bin links, Du bist rechts, damit vertrete ich diese Richtung. 

Auf den ersten Blick ist dass ein bisschen langweilig, aber ich glaube, es ist am Ende des Tages doch ziemlich effizient, weil es, ganz ohne das zu verklären, etwas schafft: Verantwortung zu übernehmen.

Ich habe da eine gute Geschichte, als ich neu in Deutschland war, hatten wir damals in der Schweiz eine Abstimmung wo es darum ging, soll man die Anzahl der regulären Urlaubswochen von vier auf fünf erhöhen. Und dann sagten alle: „Na das ist doch ein klarer Fall“ und ich: „Nein, das ist überhaupt kein klarer Fall!“. –  „Wieso, alle wollen doch mehr Urlaub?“ – „Nein, wir überlegen uns natürlich auch: Hohe Löhne, sind wir dann noch marktfähig, was heißt das dann für die Wirtschaft, können wir dann noch bestehen?“

Und die Reaktion war auf beiden Seiten doch typisch – die Abstimmung ist übrigens so ausgegangen, dass wir nur vier Wochen haben – weil sich die Leute nicht getraut haben.

Das ist vielleicht dieses Calvinistisch-Zwinglianische, diese protestantische Ethik, Max Weber in Reinkultur, etwas, das das Denken ganz stark durchdringt und sich dahingehend doch sehr unterscheidet.

KA: Ich lese regelmässig zwei Schweizer Zeitungen, die NZZ (Neue Zürcher Zeitung), die ja doch sehr wertbürgerlich ist und die Weltwoche (BF lacht), die ja für schweizerische Verhältnisse doch geradezu die Revolution ausruft. Ich finde das Spannungsfeld zwischen den beiden interessant, zu sehen, wie selbst in der Weltwoche Roger Köppels „Raus aus der sozialistischen EU“ durch Kommentare seiner Redakteure immer wieder relativiert wird, wie er selbst gerade das sogar ausdrücklich anerkennt.

BF: Die „Wochenzeitung“ wäre noch das andere, um das zu ergänzen, das ist dann das linke Spektrum.

Die Weltwoche ist letztlich eine Witznummer. Aber leider auch ernstzunehmen. Das ist ja das Problem, die sind ja nicht doof. Aber eben hochgradig manipulativ.

„Ich habe keine Mühe, einen Umweg zu machen, wenn es dessen bedarf.“

KA: Um vielleicht beim Schweizer noch ein bisschen zu bleiben: Führt Beat Fehlmann seine ja doch sehr beeindruckende innere Ruhe auf seine Herkunft zurück? Also das, was man von aussen merkt. Ich hänge die zweite Frage gleich dran: Ist Beat Fehlmann wirklich ein so ausgeglichener Charakter, wie er es nach aussen hin kommuniziert, oder kocht es ganz tief in ihm weißglühend?

BF: Also, ich glaube nicht, dass es kocht, im Sinne von brodeln, oder, dass das aktiv unterdrückt wird. Das glaube ich tatsächlich nicht. 

Also, die Ruhe, das sind ja zwei Aspekte: Das eine ist, dass die Leute oft denken, nur weil ich langsam spreche, dass ich länger denken muss…..

KA: Das meinte ich gar nicht! Ich denke, sehr viele Kollegen nehmen wirklich eine sehr große grundsätzliche Gelassenheit wahr.

BF: Ja, aber ich glaube, das ist tatsächlich etwas, das ich gut kann. Ich habe das Gefühl…wenn wir zurückkommen wollen zu diesem Begriff, dann glaube ich, dass ich zielorientiert bin, aber nicht zielgerichtet. 

Ich habe keine Mühe, einen Umweg zu machen, wenn es dessen bedarf. Ich habe nicht Angst, die Kraft oder Orientierung zu verlieren. Ich habe auch nicht Angst davor, mal ein Ziel aufzugeben, wenn es Erkenntnisse gibt, die neu oder anders sind, das passiert nicht so oft, aber es passiert. 

Aber ich habe nicht Angst davor, dass man so nicht immer ans Ziel kommt und dass es manchmal auch diesen Umweg braucht, weil die Konstellation so ist. Das ist etwas, was mich nicht verunsichert und wo ich nicht das Gefühl habe, dass ich da etwas aus den Augen verliere. 

Da kann man natürlich jetzt ganz leicht diesen Bogen schlagen und in die Metaphorik des in den Bergen unterwegs seins einsteigen. Das ist natürlich auch einfach, weil man Schweizer immer gerne mit Bergen verbindet, das aber tatsächlich ein wichtiger Teil meiner Kindheit und Jugend ist, ich sehr viel in den Bergen war. In dieser Naturgewalt kriegt man halt auch immer zurückgespielt wo man ist und das man nicht gewinnt, wenn man sich nicht schlau anstellt.

Die Natur ist immer stärker. Wir können uns darin bewegen, wir können auch auf den Gipfel kommen, aber wir müssen uns damit auseinandersetzen. 

Das ist tatsächlich etwas was ich von Kindesbeinen sehr früh immer gemacht habe und was ich auch nach wie vor tue, wenn auch nicht mehr so intensiv, so extrem wie in früheren Jahren – ich bin ein gemütlicher Wanderer geworden, auf meistens markierten Strecken, das war nicht immer so, das kann schon sein, dass mich das geprägt hat. Es ist natürlich auch ein bisschen verlockend, dass so zu greifen, weil es so gut passt, aber es ist tatsächlich auch ein wichtiger Teil meiner Sozialisierung, was mich ausmacht.

KA: Ich kann das durchaus verstehen, ich möchte das auch gar nicht profanisieren. Man steht da in den Bergen und die Natur ist so ungeheuer groß….

BF: ….das relativiert das eigene Sein…

KA: …man fühlt sich ganz klein und unwichtig….

BF: ….und das tut gut! Ich kann mich gut erinnern, das war für mich so selbstverständlich. 

Wir waren irgendwann einmal in Bremen, fast 2 Jahre, und ich war, glaube ich, in dieser Zeit nie in den Bergen und bin dann nach dieser Zeit mal dahingefahren und dann habe ich das deutlicher wahrgenommen. 

Ich habe auch viele in Bremen getroffen, die sagten „wir fahren da nicht so gerne hin, diese Pässe, das ist nicht so mein Ding, das macht mir ein bisschen Angst“. Und ich dachte: Was ist denn hier los?

Da konnte ich das zum ersten Mal nachvollziehen, wenn sich das plötzlich wieder so erhebt, wie mächtig das ist, das habe ich glaube ich so auch selten erlebt, weil das so selbstverständlich war und immer dazugehörte und ich nicht Angst sondern eine Faszination für diese Landschaft, für diese Erhebungen habe und ich es tatsächlich irgendwie schön finde da drauf zu steigen und runter zu gucken, das hat etwas erhebendes.

KA: Es gibt ein Gerücht: Stimmt es, dass Sie Schweizer Reserveoffizier sind?

BF: (lacht) Nein! 

KA: Sie haben nur den üblichen Wehrdienst hinter sich gebracht…..

BF: Genau, meine Dienstwaffe war die Klarinette. „Spiel mir das Lied vom Tod“, darüber hinaus ist es nicht gegangen.

KA: Was ja auch auf den potentiellen Feind schon sehr einschüchternd wirken kann!

BF: Genau!

KA: Eigentlich wissen wir ja gar nichts über Sie. Was wir wissen: 1974 geboren, bisher war er in Konstanz und jetzt ist er da. Woher kommt eigentlich Beat Fehlmann?

BF: Ich bin am Land aufgewachsen, in einem kleinen Dorf zwischen Basel und Zürich. Das ist das Mittelland an der Aare, ein Fluss, der dann bald in den Rhein mündet, wo ich aufgewachsen bin. Das war eine sehr behütete Kindheit mit diesen sehr kleinen räumlichen Strukturen. 

Eigentlich wollte ich immer Oboe lernen, das war mein Wunschinstrument und meine Eltern hatten das auch unterstützt, aber es war tatsächlich so: Ich hätte, um Oboe zu lernen, nach Zürich fahren müssen. Von dem nächstgrößeren Ort, mit Bus und Zug ist das in einer Dreiviertelstunde zu machen. Aber das war damals unglaublich weit weg, da ist man nicht hingefahren, oder einmal im Jahr. 

Das zeigt so die Veränderungen, Leute, die da wohnen, die arbeiten auch in Zürich, das war früher nicht so, da hat man da gearbeitet, wenn einer 20 Minuten fahren musste, dann hat man sich schon überlegt ob das sinnvoll ist. Diese kurzen Wege, diese kleinen Strukturen wo man auch gut aufeinander aufpasst, mit allen positiven und schwierigen Momenten, das hat das sehr geprägt, so bin ich aufgewachsen, sehr behütetet, in einer Welt, wo vieles auch ein bisschen vorgegeben ist und ich es immer schwierig fand – warum macht man denn Dinge, die eigentlich keiner sinnvoll findet, oder die Frage nach dem Warum keiner schlüssig beantworten kann, na dann macht mans doch auch nicht mehr, das ist so ganz typisch für so eine Welt, die so: Das macht man halt so, das machen wir alle, das haben wir schon immer so gemacht. 

Das hat auch durchaus seinen Charme, dieses aufeinander gucken, es ist ambivalent, im Sinne von man guckt genau, was macht der, aha, das macht man aber nicht, auf der anderen Seite gibt es aber auch diese Solidarität und Unterstützung, das ist halt schon ein Geflecht, das trägt und das hat auch was.

KA: Und wann hat sich dann herausgestellt, dass Sie Musiker werden wollen?

BF: Bald, ich denke mit 13 war das so ein Wunsch. Aber ich bin ja in einem eher ländlichen Umfeld groß geworden, in einer Familie mit wenig Bezug zur Musikwelt. 

Es gab lediglich einen Musiker, der ist aber relativ früh verstorben. 

Er war Solofagottist in Bern, da hatte ich noch ein bisschen Kontakt als Kind, als ich angefangen hatte mit dem Instrument, aber dann ist er gestorben und das war so der einzige, der in dieser völlig anderen Welt gelebt hat. Ansonsten hat man das geschätzt, meine Eltern haben das auch unterstützt, aber niemand wusste genau, was ist das denn eigentlich?

Die pragmatische Frage: Kann man denn davon leben, das konnte da niemand so richtig beantworten, weil man nicht wusste, was ist das überhaupt für ein Beruf, was sind das für Menschen, denn abgesehen von Lehrern hatten wir keine persönlichen Beziehungen zu dieser Welt. 

Das habe ich natürlich auch ganz deutlich gemerkt, in dem Moment wo ich dann angefangen habe an der Musikhochschule als Jungstudent, wo ich dann auch gemerkt habe – also ich war auf dem Land derjenige der gut spielen konnte, da gabs halt nicht viele – zu sehen, da gibts auch andere die gut sind, das ist das eine, aber auch zu merken, die kommen aus einem ganz anderen Kontext, die haben diese Stücke dann doch irgendwie alle mal live gehört, die ich nur von der Platte kenne, die gehen ständig in die Oper und die kennen den und den. 

In diesem Leben, in dieser Welt drin sein, das war ich halt überhaupt nicht, das war für mich fremd und so habe ich mir das dann erarbeitet, da war für mich schon vieles nicht klar, wie das geht und ich musste das irgendwie kennenlernen. 

Ich bin dann da so reingewachsen.

KA: Dann kam aber offensichtlich etwas anderes. Sie sind dann zum Studieren nach Amerika gegangen?

BF: Ja, das war eine bewusste Entscheidung. Ich fand, das größte Problem damals war, dass man das Instrument nicht zur Verfügung hatte in Europa. Damals gabs in der Schweiz einen Dirigierstudiengang der Hochschulen in Zürich, Bern und Genf, die hatten sich zusammengetan und das Diplomkonzert hat man dann entweder mit dem Orchestre de la Suisse Romande, mit dem Basler Sinfonieorchester oder mit der Tonhalle Zürich gemacht. Vorher hat man diese Orchester aber nie gesehen, nie mit ihm arbeiten können. 

Das ist im Prinzip so, als würde man einem Pianisten die Klaviatur hier auf den Tisch malen und dann macht er die Prüfung aber auf einem Steinway und er weiß nicht wie ihm geschieht und dann geht das gut – oder auch nicht. 

Das Instrument nicht zur Verfügung haben, das ist einfach ein großes Problem. 

In den USA sind die Strukturen andere, wir hatten ein eigenes Orchester für die Dirigenten, klar, das hat auch nicht allen Spielern Spaß gemacht, aber die lernen Repertoire, die lernen sich zurechtzufinden in dieser Orchesterwelt, man steht halt wirklich in der Woche mehrere Stunden vor dem Orchester und kann ausprobieren, das gehört halt einfach dazu, diese Routine zu haben und das, fand ich ist da besser gelöst. 

Das war der Grund warum ich in die USA gegangen bin, danach aber wieder zurück. Dann habe ich noch Komposition studiert in Hannover, bei Johannes Schöllhorn.

KA: Was geschah eigentlich danach, zwischen Hannover und Konstanz?

BF: Während eines Teil meines Studiums in Hannover haben wir in Bremen gewohnt. 

Sandra hat dort ihre Meisterklasse gemacht an der Kunsthochschule, sie ist Keramikerin. Da ich nur einmal die Woche nach Hannover musste, war das die beste Lösung.

KA: Und dann kam die Stelle in Konstanz?

BF: Dann kamen erst einmal zehn Jahre als freiberuflicher Musiker. So war ich unterwegs als Dirigent, Komponist und Klarinettist. Mit der Zeit hat der Wunsch, sich auf eine Tätigkeit zu konzentrieren aber zugenommen und so habe ich mich entschieden, in den Bereich der Administration zu wechseln.

Nach einer Weiterbildung an der Universität Zürich im Bereich Kulturmanagement war ich zunächst bei der Kammerphilharmonie Graubünden und bin dann nach und nach vom Musikerdasein in die administrative Tätigkeit hineingewachsen.

KA: Wo ist eigentlich der Ausgangspunkt? Was war der erste Moment, an den BF sich erinnern kann, in dem er Musik bewusst wahrgenommen hat?

BF: Das war tatsächlich ein Orchesterkonzert. Das weiss ich noch ganz genau. 

Ein amerikanisches Orchester, Cincinnati Symphony mit Jesus Lopez-Cobos als Dirigent, mit Elgars Enigma-Variationen, was sonst noch am Programm war, weiss ich nicht mehr, aber Enigma-Variationen, das ist ja eine Kitschkiste, aber schon wahnsinnig toll! Und die haben einfach sehr gut gespielt, muss man sagen, das hat mich unglaublich beeindruckt! 

Da war diese ganze Herrlichkeit da, diese Eindrücklichkeit in den Farben und in dieser Unmittelbarkeit – Großartig!

Das ist ja das brutale: Als junger Dirigent ist man voller Ideen, man weiss genau wie man es haben will, aber natürlich überhaupt nicht, wie man mit so einem Klangkörper umgeht, wie man den dahin bringt und ist teilweise auch mit Problemen konfrontiert, an die man gar nicht gedacht hat.

Das merkt man halt nur, wenn man das auch in einer gewissen Regelmäßigkeit macht. Auch schon, um nur abgebrüht zu werden, zu wissen: „Jaja, komm, das gehört jetzt halt dazu, da lass ich mich gar nicht drauf ein..“, die große Kunst ist ja in den Proben letztlich zu wissen: Wann stoppe ich diesen Zug, was tue ich dann und warum an dieser Stelle? Ich kann das erstens non-verbal regeln und habe zweitens das Vertrauen, dass das kommt, ich muss da nicht drauf hinweisen. 

Dass zu lernen, es gibt sicher Leute, die sind unglaublich begabt und haben so diesen Instinkt dafür, aber letztlich ist da halt Praxis einfach wichtig. 

Man muss vor einem Orchester stehen, viele Werke lernt man letztlich auch im Konzert.

Es gibt so viele Momente wo man plötzlich merkt, jetzt funktioniert die Form oder nein, funktioniert immer noch nicht, ich schaffs nicht, ich komm nicht an das Ding ran.

KA: Absolut. Ich denke: In der Zusammenarbeit zwischen Dirigent und Orchester drückt sich ja ganz viel, ich möchte mal sagen nicht unbedingt menschliche Zuneigung zueinander aus, aber es spielt natürlich schon eine große Rolle, wie man mit einem Dirigenten menschlich harmoniert, wie menschlich dieser Dirigent mit einem Orchester umgeht. Wir erleben das ja gerade hier in Ludwigshafen. 

Man kann von Michael Francis ja nun wirklich nicht sagen, dass er Konzessionen mache beim Dirigieren, dass er dem Orchester entgegenkäme, aber in dieser ungeheuer stringenten Art die er ja hat, diesem Können, dass er immer wieder beweist, da will das Orchester dann eben auch mitspielen, nicht weil er sonst unangenehm würde – was er nicht tut – sondern, weil er einfach so überzeugend ist!

Wie gestaltet sich eigentlich die Zusammenarbeit zwischen Intendant und Chefdirigent ganz praktisch?

Inwiefern müssen Sie Michael Francis immer mal wieder die Träume vom Himmel pflücken, oder haben Sie eine gemeinsame Richtung gehabt, in die es von Anfang an ging?

BF:  In dem konkreten Fall war das so, dass ich ja schon etwas länger hier war als er, ein paar Wochen, und hatte so ein bisschen Gedankenvorsprung. Da haben wir uns sehr schnell darüber ausgetauscht, dass habe ich ihm auch dargelegt, was da die Überlegungen sind. 

Das hat er sich sehr genau angehört, präzise nachgefragt und dann haben wir angefangen zu bauen und gemeinsam Ideen zu entwickeln.

„Es ist eine Haltung die sich des Gegenübers bewusst ist“

KA: Ich frage auch deswegen: Er war ja Orchestermusiker in England, hatte und hat eine Chefposition in den USA und eine in Schweden, wo sich ja bei allen Gemeinsamkeiten die Systeme doch sehr deutlich unterscheiden. Wie sehr mussten Sie ihn gewissermassen schubsen oder wie weit war er schon „da“?

BF: Also, ich glaube, dass hier seine Erfahrung aus den USA schon ganz zentral ist. Music Director bei einem amerikanischen Orchester ist eine sehr umfassende Verantwortung, die nicht zu vergleichen ist mit einer Chefdirigentenposition hier, geht sehr viel weiter, wo es ganz direkt darum geht: Findet das was ich tue, was ich programmiere auch eine Resonanz? 

Und zwar ganz direkt! Das merkt man natürlich schon, das prägt sein Denken. 

Ich sage immer, typisch ist in seiner Haltung eben nicht, dass er hier aufschlägt und sagt: Mich interessiert der Mahler-Zyklus, um es so klischeehaft zu sagen. 

Seine Erste Frage ist: Was brauchen hier die Menschen? 

Welche Bedeutung hat hier Musik, das ist eine völlig andere Haltung, die sicherlich genauso konsequent eine eigene künstlerische Haltung weiterträgt, aber trotzdem auch reagiert auf einen Kontext und nicht nur von sich selber ausgeht. 

Das unterscheidet ihn schon ganz stark von anderen, die dieses Metier prägen. Ich glaube, das ist sehr, sehr typisch und dass das vor allem die Erfahrung aus den USA ist.

KA: Das sehr praktische…

BF: Ich würde das nicht als praktisch beschreiben, ich glaube das ist die Ebene, dass man sich immer überlegt wir tun etwas, dass sich an jemanden adressiert und man sich um dieses gegenüber auch kümmert und dieses Gegenüber ernst nimmt, dass das bei den Überlegungen auch eine Rolle spielt. 

Nicht nur: Ich muss jetzt mein Repertoire erweitern und ich will jetzt aus irgendwelchen Prestigegründen oder damit ich die nächste  Stelle da und da bekomme hier das und das machen, ob das jetzt hierher passt, ob das jetzt die Bedürfnisse dieser Menschen oder dieser Region sind oder diese komplett ignoriert. Das ist der Unterschied!

Das würde ich nicht als pragmatisch bezeichnen, das wäre für mich nicht die richtige Formulierung! Es ist eine Haltung die sich des Gegenübers bewusst ist, 

die die Kommunikation ganz stark ins Zentrum stellt und weiss, das Kommunikation eine gegenseitige Sache ist und nie einseitig. 

KA: Wie haben Sie die Südwestdeutsche Philharmonie in Konstanz eigentlich wahrgenommen, bevor Sie dort Intendant wurden und wie war das in Ludwigshafen?

BF: Ich kannte beide Orchester vorher und Konstanz war immer so ein bisschen… aus der Schweizer Perspektive hat man ntürlich sehr genau wahrgenommen, dass das so eines der deutschen Orchester ist, das sehr präsent war am Markt. Teilweise auch im Kontext, wo man gemerkt hat, OK, das war jetzt nicht nur ideal, aufgrund der Leute, die gebucht und das verantwortet haben ,aber schon auch als ein sehr guter Klangkörper, der sehr aktiv in der Region wirkt und hier in Ludwigshafen hab ich vor allem diese Steffens-Zeit mitbekommen, vorher kannte ich das Orchester auch nicht, das war nicht so mein Fokus: Deutsche Sinfonieorchester, da habe ich mehr neue Musik gemacht.

Aber mit Steffens, ich kannte die Aufnahmen, habe ein paar Konzerte gehört, fand das immer sehr beeindruckend, mich hat das immer interessiert, dieses Repertoire was er relativ früh gemacht hat, diese Modern Times-Geschichte, das fand ich schon bemerkenswert, sehr spannend, vor allem darüber habe ich das Orchester eigentlich wahrgenommen.

KA: Inwiefern unterscheiden sich Planungen, auch langfristige Planungen in beiden Städten und was haben sie, bezogen auf die Orchester, vielleicht gemeinsam?

BF: Ja, gemeinsam haben sie, dass es natürlich immer ganz stark darum geht, sich zu überlegen, zu reflektieren und zu entwickeln, die Fragestellung nach der Funktion innerhalb der Gesellschaft. Ich finde, diese Fragestellung ist einfach eine ganz grundsätzliche. 

Und ansonsten, ja danach gehts auf die Antwortebene, geht es darum, spezifische Zugänge, spezifische Haltungen oder Antworten zu finden zu dieser generellen Frage und die sind nun mal ganz unterschiedlich, weil die Städte völlig anders sind und weil die Regionen völlig anders sind.

Im Grundsatz gibt es da völlige Übereinstimmung aber in der Ausarbeitung, glaube ich, fast keine Schnittmenge, das sind völlig andere Kontexte, andere Problemstellungen, Herausforderungen, zumindest in meinem Denken.

KA: Was mag, was bewundern Sie an der Staatsphilharmonie und wo würden Sie sich wünschen, die Staatsphilharmonie würde sich noch mehr von alten, liebgewordenen Gewohnheiten trennen können?

BF: Also ich finde, was ich ganz ausgeprägt wahrnehme ist diese Selbstverantwortung, das zeigt sich ja auch bei verschiedenen Projekten: Die Kammermusikreihe, Tag der offenen Tür, das sind ja Dinge, die gibts auch bei anderen Orchestern und die werden oft sehr ähnlich gemacht. 

Aber ich finde, hier hat das so einen Stolz, eine Wichtigkeit und so eine Ernsthaftigkeit, die ich als ganz besonders bezeichnen würde.

Also, ich glaube das ist etwas, was dieses Verantwortungsbewusstsein der einzelnen Menschen zeigt, das finde ich sehr ausgeprägt und ich finde, das ist ein Orchester, das ist durch diese Situation sehr anpassungsfähig und kann mit schwierigen Situationen ziemlich gut umgehen, so dass man es nicht hört, dass es gerade sauschwer ist.

Das ist schon etwas, das ich sehr bewundere. Dass die Konstanz in der Qualität, die die abrufen können unter unterschiedlichsten und schwierigen Bedingungen, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. 

Das ist etwas, was da ganz stark drinsteckt und das ist eine ganz große Qualität dieses Ensembles, das ist toll und sehr bewundernswert!

Die Zöpfe, die man abschneiden sollte…

KA: …im Sinne von: Gewohnheiten, die da sind, Dinge, an die man sich gewöhnt hat, „das war schon immer so, das haben wir immer schon so gemacht“….

BF: ….es fällt mir gar nicht so viel ein, weil ich finde, dass es doch eigentlich eine große Offenheit gibt, wenn man mit Ideen kommt, ist es nicht: „Ach nein, das machen wir anders….“ Den Satz habe ich selten gehört. 

Deshalb fällt es mir jetzt auch schwer, einfach zu sagen, also das und das….muss dringend verändert werden, sonst wird das schwierig. 

Ich hoffe, dass grad auch im Bereich Qualität oder Eigenverantwortlichkeit, wenn es um Klang und Zusammenspiel geht, dass es da gelingt, dass das Orchester das noch stärker in der eigenen Hand behält und sich noch autonomer schaltet gegenüber Leuten die vorne stehen. 

Ich finde, da ist schon viel gemacht, das ist auch auf einem guten Weg, aber da würde ich dem Orchester wünschen, dass sie da noch weiter gehen können und noch unabhängiger werden, nicht um irgendjemanden da auszubremsen, ganz im Gegenteil, aber um einfach für sich so dieses Selbstverständnis und dieses Verantwortungsbewustsein das auch noch in einer ähnlichen Konsequenz noch auf das gesamtmusikalische Ergebnis übertragen kann zu haben: „Das sind wir“!

Nicht im Sinne einer Starrheit („so machen wir das!“), aber dass es so ein Selbstverständnis gibt: „drunter machen wir es nicht!“ 

Ich habe vorhin schon gesagt, die Konstanz in der Leistung ist etwas herausragendes, aber ich glaube, es könnte noch einen Schritt weitergehen und das würde ich dem Orchester wünschen, weil ich glaube, dass das viel zur Identität beiträgt, mehr nach innen als nach aussen, und ich mir auch vorstelle, dass das eine Zufriedenheit geben kann, die man aus sich selber schöpfen kann, das fände ich schön, wenn das noch ein bisschen besser gelänge, dass sich das weiter gut entwickelt, das wäre vielleicht die adäquate Formulierung.

KA: Worin besteht für den Intendanten die besondere Rolle der Staatsphilharmonie in Ludwigshafen? Wie sollte die Interaktion mit der Stadtgesellschaft stattfinden? Gerade, weil es in Ludwigshafen ja eine sehr besondere Gesellschaft ist?

BF: Ja, ich finde, wir sollten halt schon versuchen, möglichst viele Menschen nicht im Sinne von: alle, aber doch möglichst viele unterschiedliche Menschen zu erreichen. 

Ich sage immer, wenn wir die Bahnhofstrasse hinunterlaufen und die Menschen sitzen da in ihren Cafés und Läden, von Brautmoden bis Schlafzimmerausstattungen und Bäckereien bis Handyläden, sollten die wissen: „Oh, das sind die durchgeknallten von der Philharmonie, die finde ich cool!“ 

Das fände ich total schön, das ist so meine Wunschvorstellung, dass, wenn da die Orchestermusiker gemeinsam runterlaufen, wir reinwinken können und die Leute nur denken: „Ach, die….hoffentlich kommen die nicht zu uns, sonst wolllen die wieder so ne verrückte Geschichte machen“, aber dass sie eben trotzdem wissen: Ach ja, das sind die! 

Das ist so eine repektvolle Art von: Oh ,das sind die Verrückten, die guten Verrückten! Durchaus auch mit nem Fragezeichen, aber „die meinen es irgendwie schon ernst und die nehmen uns auch ernst“. 

Dass es uns gelingt, dass das wirklich auf Augenhöhe gelebt wird und wir uns auch einlassen können aufeinander, das ist ja kein kolonialistischer Gedanke im Sinne von „Wir beglücken euch jetzt mit Klassik, damit ihr die besseren Menschen werdet, das müsst ihr jetzt hören, müsst ihr jetzt verstehen und dann wird das was“ – so ist es ja nicht.

Aber ich finde, wir sollten versuchen, unsere Faszination und das, was wir damit verbinden, was wir erleben können, was viele Menschen so nicht können, das ist etwas ganz faszinierendes, ich finde, das sollten wir mit möglichst vielen Menschen teilen können, da brauchts unterschiedliche Antworten, unterschiedliche Annäherungen, aber da geht es nicht um Missionieren, das meine ich damit nicht. 

Das ist eine komplizierte Grenze, die lässt sich nicht einfach so definieren, da gibts glaube ich keine klaren Linien, aber ich finde, man muss sich dessen bewusst sein, dass es eben nicht diese „wie machen jetzt einen besseren Menschen aus dir“ – Attitüde wird.

KA: Wie haben Sie die Monate der Suche nach dem neuen Chefdirigenten erlebt? Es wurde ja im Grunde genommen nach der Entscheidung für den neuen Intendanten noch mal ein neuer Anlauf unternommen. Wie haben Sie erlebt, was vorgegangen ist? Wie haben Sie den Prozess miterlebt, was hat dieser Prozess mit ihnen gemacht?

BF: Ja, ich habe mir schon große Sorgen gemacht. Anfangs habe ich mir schon gedacht: Oh je, kann man das retten, kriegen wir das hin? 

Ich habe dann verschiedenes versucht und gemerkt, naja, das ist jetzt nicht mehr von der Spur zu bringen und ich habe gemerkt, das ist jetzt auf die Gleise gesetzt worden und läuft jetzt durch.

Eine Weichenstellung grundlegender Art war nicht mehr möglich, was ich noch tun konnte, war zu versuchen, den Zug zu beschleunigen. 

Dann gibts nämlich zwei Möglichkeiten, entweder wir rasen mit großem Erfolg ins Ziel oder das Ding fährt so gegen die Wand, das auch klar ist, dass der Zug kaputt ist.

KA: Dann gab es ja die Finalrunde mit acht Dirigenten und eben den letzten drei, die dann sich nochmals vorgestellt haben. 

Wie waren die Empfindungen, als es dann doch auf ein Ziel zulief, als allen klar war: Da sind wirklich interessante Kandidaten dabei.

BF: Ja, das war der Moment, wo ich dachte, jetzt kanns gut kommen, jetzt geht das in ne Richtung, die interessant ist und jetzt kann man drüber diskutieren und zwar auf einem vernünftigen Niveau. 

Das war natürlich erst mal entspannend und erfreulich.

Dann war das alles auch spannend zu sehen, das waren ja die ersten Konzerte, wo ich hier war, und ich hatte in dieser Übergangsphase fast keine Zeit für Konzerte. 

Ich war zwar relativ viel hier, aber ich habe ganz wenig Konzerte geschafft. Das ist natürlich besonders eindrücklich, wenn man so neu kommt, da ist auch vieles besonders und manche Dinge kann man noch nicht einschätzen: Was heißt das jetzt, wenn es in der Probe so läuft, wie ist das Konzert nachher, das war schon sehr aufregend, aber positiv. 

Ich war vor allem gespannt, wie so eine Reflexion im Orchester dann aussieht, ob es da dann eine Meinung gibt, oder wie weit diese auseinander liegen. 

Meine Erfahrung mit solchen Prozessen ist schon so, wenn man so was dann mal gemeinsam diskutiert, dass man schon oft erstaunt ist, wie weit die Einschätzungen auseinander liegen.

Wo man für sich selber denkt: Naja, das ist jetzt einfach objektiv gesetzt, das ist jetzt klar und dann merkt man aber trotzdem, dass man mit ernsthaften Menschen spricht, die eine komplett andere Meinung haben! Was denn jetzt? Warum, Wie? Das ist unmöglich, das war doch jetzt ne klare Sache? 

Das ist schon spannend! Was mach ich denn jetzt damit? Das muss man auch verarbeiten können, das war nicht einfach. 

Das einfachste wäre natürlich zu denken: Das ist jetzt einfach falsch! Aber das wäre dann der grösste Fehler, den man machen kann.

KA: Dann gab es ja doch ein sehr eindeutiges Votum für Michael Francis, danach wurde, so meine Wahrnehmung von aussen, noch recht lange über den Vertrag diskutiert, über Details, das ist ja ganz normal. 

Was ging Ihnen durch den Kopf als klar war: Jetzt ist der Vertrag fertig, jetzt wird unterschrieben und dann geht es los.

BF: Das war gar nicht so einschneidend. Das hat aber damit zu tun, dass ich das tatsächlich anders erlebt habe. Die Abwicklung ging extrem schnell, auch wenn das von aussen vielleicht nicht so ausgesehen hat, aber im Hintergrund war alles extrem effizient. Natürlich auch mit der Problematik, dass Michael in den USA war und sehr eingespannt in dieser Zeit. Trotzdem ging das sehr schnell. 

Michael war von Anfang an sehr offen und sehr ehrlich und hat sich sehr schnell mit mir verständigt. Er wusste vorher schon, dass er das möchte und sagte: „Was auch immer jetzt alles passiert, wir werden das verhandeln, aber Du musst wissen: ich will das. Wir werden einen Weg finden“. 

Wir haben parallel zu den Verhandlungen längst in Programm und nächsten Schritten gedacht. Natürlich war ich auch froh, als alles dann unterschrieben und durch war, aber das war jetzt nicht so der eine Moment….

KA:….im Grunde genommen war schon klar, er wird kommen, es ging nur noch um die Verschriftlichung….

BF:…und wie machen wir das, dass es für ihn gut ist, sinnvoll ist, das in zwei Sprachen, das macht alles noch ein bisschen komplexer, mit zwei Kontinenten, Agenturen dazwischen, aber letztlich ging es sehr effizient und unkompliziert, lösungsorientiert. 

Deswegen hatte ich nie den Eindruck: Das ging jetzt lange. Eigentlich ging das extrem schnell. 

Wir waren Mitte Oktober so weit und wir waren einen Monat später durch. 

Michael konnte einfach nicht vor dem 6. Dezember 2018 herkommen.

Das wichtigste für mich war in dem Verfahren letztlich, das Orchester mit an den Tisch zu bringen, das war Teil dieser Schnellzugstrategie. 

Ich wusste natürlich, dass ich damit ein großes Risiko eingehe, aber ich fand das wichtig und das hat ja letztlich zu dem Resultat geführt, das wir jetzt haben, dass es so eine klare Zustimmung gab. 

KA: Wie begegnen Sie eigentlich Veranstaltern, Solisten, Agenten, ihren ganz persönlichen Wünschen und Nöten?

BF: Ich bin ein lösungsorientierter Mensch, kann auch sehr klar kommunizieren – wenn es sein muss! In der Regel verstehens die Leute vorher.

KA: Was macht ein Intendant eigentlich genau? (BF lacht) 

Wie ist so sein alltägliches Verhältnis zu den Veranstaltern? 

Wie bewältigt er die Spannungen, die sich daraus ergeben, dass er sowohl der Vertreter der Musiker, wie auch der Verwaltung, wie auch des Ministerius ist, denn im Grunde gibt es da ja ein natürliches Spannungsverhältnis!

„Vertrauen muss man sich auch immer erarbeiten“

BF: Ja, das ist in diesem Orchester auch noch mal besonders ausgeprägt  und das ist glaube ich etwas vom schwierigsten und verrücktesten, was diesen Klangkörper ausmacht, was viele gar nicht so verstehen, glaube ich von aussen: Das Orchester macht einen sehr geringen Anteil an eigenverantworteten Veranstaltungen und der Rest hat mit diesen Veranstaltern zu tun, das ist schon eine der ganz spezifischen Herausforderungen, die dieses Orchester mit sich bringt. 

Es ist nicht einfach, Vertrauen muss man sich auch immer erarbeiten und teilweise gibt es ein unglaubliches Anspruchsdenken: So und so will ich das haben und da einen Weg zu finden der letztlich auch künstlerisch sinnvoll ist und nicht dazu führt, dass das Orchester jeden Abend dann doch ein anderes Programm zu spielen hat, mit einem anderen Solisten, das ist schon echt harte Arbeit und teilweise stösst man da auf Unverständnis, gerade auch wenn es zum Beispiel um Gagen von Wunschsolisten geht. 

Ich kann das auch weder dem Steuerzahler noch dem Landtag gegenüber verantworten. Das ist teilweise schwierig, eine große Herausforderung und ein Dilemma, das man nie ganz lösen kann, es ist ein Puzzle und es ist echt ganz schwierig, da eine gescheite Linie hinein zu bekommen, das ist glaube ich so ungefähr das schwierigste, was es hier so gibt. 

An vielen Orten spielen ja auch noch andere Orchester, da potenziert sich das ganze…..das ist schwierig und nicht gut für das Orchester, weil es führt zu einer unglaublichen Verengung des Repertoires oder es führt dazu, dass das Orchester unglaublich viele Programme spielen muss, was der Qualität einfach nicht zuträglich ist. Eine gewisse Flexibilität ist ja schön, aber es ist einfach unbefriedigend, unterprobt irgendwelche Dinge über die Rampe bringen zu müssen, das ist nicht angenehm.

Meine Erfahrung mit der Berühmtheit der Solisten…ich glaube, das wird komplett überschätzt. Meine Erfahrung ist wirklich eine andere: Wir innerhalb der Szene, wir kennen natürlich die Namen, aber den meisten Leuten sagt das doch letzlich nichts. Die sprechen dann an auf Beethoven und auf Mozart….

KA: Das alte Phänomen: Die 5.Beethoven geht immer…..

BF: Ja, aber bis man jemanden hat, einen Solisten, der Beethovens 5.Klavierkonzert spielt und der tatsächlich durch die Tatsache, dass er das spielt, zusätzliche Tickets verkauft, den muss man mir erst mal zeigen.

KA: Oder es ist Anne-Sophie Mutter, die man nicht bezahlen kann.

BF: Ja, klar. Aber das sind 5 weltweit……es ist ein riesiges Kombinationsspiel, das muss man halt einfach machen, dass man das so hinkriegt, das das Orchester attraktive Programme spielen kann und die möglichst oft spielen kann, das ist echt so…..da habe ich schon in viele Tischkanten gebissen.

Das ist schwierig!

KA: Wird sich denn die Staatsphilharmonie in der Zukunft auch intensiver mit Othmar Schoeck, Hans Huber (Schweizer Komponisten) und Frau Stirnimaa (Der große Hit der Schweizer Folk-Gruppe „The Minstrels“) befassen? 

BF: Ich bin nicht ein Botschafter oder Verfechter irgendwelcher lokal verorteten Musik. Kann sein, dass diese Musik eine Rolle spielt, aber ich bin kein Missionar für bestimmte Dinge, also wenn es um Komponisten geht. Mein Thema ist: Die Musik zu den Menschen. Da ist mir jedes Werk und jedes Mittel recht, um es jetzt mal auf den Punkt zu bringen.

KA: Wie funktioniert es denn, wenn die Staatsphilharmonie als mitarbeitendes Orchester eingekauft wird, zu einem Festival oder als Begleitorchester? Inwieweit nimmt der Intendant in solchen Situationen überhaupt Einfluss?

BF: Da versucht man dann zu schauen, dass Programme entstehen, die eine gewisse Dramaturgie haben und zwar so, dass das Orchester als Star aus der Nummer rausgeht, das finde ich einfach wichtig und dass das Orchester sich möglichst in einem guten Licht darstellen kann, das beinhaltet halt Besetzungen, Repertoire, Konzertwiederholungen, strategische Repertoiredisposition innerhalb der Saison, vernünftige Reisebedingungen…ich versuche immer den Weg zu finden, dass es diesem Anspruch, auch genügend Zeit zu haben, das zu liefern und das auf einem guten Niveau liefern zu können einigermassen gerecht wird. Das ist ein Geben und Nehmen. 

Und ich finde eben, das über 80 Prozent der Aktivitäten dieses Orchesters fremdbestimmt sind ist halt schon ne Riesennummer, das ist eine Herausforderung für das Orchester. 

Schwierig.

KA: Nun sind wir natürlich nicht die Berliner Philharmoniker, die diesen Luxus des eigenen Konzerthauses, die ja ganz andere Möglichkeiten der Eigenveranstaltungen haben…

BF: Klar! Aber trotzdem, ist es schon so: Für ein Staatsorchester ist das schon wahnsinnig wenig, wo man wirklich Profil zeigen kann. 

Das sieht man ja auch daran, dass man Dinge wie „Modern Times“ entwickelt hat, eben fünf solche Hämmer in zehn Tagen programmiert hat, um genau das dann eben doch noch leisten zu können.

Dass aber auch nur mit einer Komplettüberforderung des Publikums und auch des eigenen Personals, das wirkt dann zwar primär auf dem Papier, aber in der Realität eben auch nicht uneingeschränkt. 

Ich kann das aber auch verstehen, weil man letztlich eben nicht so viele Spielwiesen hat um sich klar zu positionieren.

KA: Wie begreift ein Intendant seine Autorität und wie geht er damit um? Setzt er sich eine „Intendantenmaske“ auf, sobald er das Büro betrifft (BF lacht), oder bleibt er der authentische Mensch?

BF: Ich bin nicht so ein Faschingstyp….man weiß das ja nie so genau, aber ich glaube nicht, dass ich mich verändere! 

Natürlich gibt es eine Abgrenzung zwischen Beruf und Privat, das ist ganz klar und Autorität: Ich würde sagen in 99 Prozent aller Fälle ist das klar und muss nicht nach vorne gestellt werden und dann gibt es ab und zu mal was, wo ich wirklich sagen muss: Ist jetzt so und gut. 

Aber meistens braucht es diese Verstärkung gar nicht. Ich versuche schon, ganz klar zu sein, es gibt Sachen, da kann ich auch loslassen und es gibt andere, da weiß ich ich will sie so haben.

Manchmal ist es effektiver, einen gemeinsamen Weg zu finden, auch in so einer Führungssituation, jemand das Gefühl zu geben, er hat die Lösung jetzt selber gefunden. Weil es glücklicher macht, weil es mehr Energie freisetzt und weil es auch am ehesten mal noch eine Idee dazu bringt oder einen Aspekt, der einem so nicht eingefallen wäre und das trägt ja immer zur Verbesserung der Sache bei! 

KA: Ich nehme die Gesellschaft in den USA als ungemein verroht, kalt und egoistisch wahr. Ist das eine rein subjektive Wahrnehmung, oder ist das die – wünschenswerte? – Zukunft für uns alle? Werden wir uns den Wünschen der globalisierten Gesellschaft, der globalisierten Wrtschaft auch unterwerfen müssen? Werden wir zu Drohnen, oder bin ich persönlich nur zu freidenkend?

Wohin wollen wir uns entwickeln? Sollen wir dahin kommen, dass jeder nur noch sein eigenes Feld beackert, oder sollen wir versuchen eine Gesellschaft zu bleiben?

BF: Nun, auf jeden Fall müssen wir eine Gesellschaft bleiben. Ich glaube, dass das komplizierte an der jetzigen Zeit, an der momentanen Situation ist, dass man doch sagen kann: Die Systeme haben versagt. 

Wir können nicht zurück zum Sozialismus, das funktioniert nicht und die Grenzen des marktwirtschaftlichen Denkens, die werden uns ja so vor den Kopf geknallt und ich glaube, wir erfahren und sehen ganz deutlich, dass das kein lebenswerter und wünschenswerter Zustand sein kann. 

Aber, was im Moment dieses Vakuum ist, ist warscheinlich auch das gefährliche an der jetzigen Zeit, das eine neue Systematik, ein anderes Denken noch nicht da ist, also, es ist da, es ist ja nie so, dass das nicht vorhanden wäre, aber wo es ist, es ist schwierig zu finden für die Gesellschaft. 

Ich finde, wir sollten auf jeden Fall darum kämpfen, dass die Errungenschaften der Gesellschaft, der sozialen Gesellschaft nicht verloren gehen, denn was ist die Konsequenz? Wir würden uns ein paar wenigen gigantischen Konglomeraten von Firmen ausliefern, die uns letztlich manipulieren.

Ich glaube auch nicht, dass das auf lange Frist gutgehen kann. Die Gefahr bei diesen Dingen ist  halt immer: Wie schaffen wir, das in einem politischen oder gesellschaftlichen Diskurs zu behalten ohne dass wir einander wehtun müssen? Das ist doch die große Gefahr. Schaffen wir eine Evolution oder läuft es auf eine Revolution hinaus? 

Das ist meistens nicht ohne Unmenschlichkeit vonstatten gegangen in der Geschichte, das ist für mich die grösste Sorge, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass wir ja sagen zu einem System das längst krank ist, das hat glaube ich doch ein Großteil durchschaut, dass es nichts taugt, oder nichts taugt im Sinne von einer Zukunft.

KA: Wie geht ein BF mit Krisen um? Beruflicher Art? Was macht er zum Beispiel, wenn Unruhe im Orchester entsteht? Wenn Entwicklungen, die ihn beruflich tangieren, in eine falsche Richtung laufen?

BF: (Denkt lange nach) Die Antwort fällt deshalb nicht eindeutig aus, weil es kein Rezept gibt. Ich glaube, es lässt mich auf jeden Fall nicht kalt, verdrängen ist nie eine Option. Aber die Frage ist: Wie aktiv und an welchem Punkt eingreifen? Das kann unterschiedlich sein. 

Was aber verbindend ist, dass es ein Reagieren und ein strategisches Agieren darauf gibt. Und das ich hoffe..(lacht) jetzt kommt der Schweizer….ich hoffe, dass es mir gelingt, dann doch deutlich zu unterscheiden, wo geht es jetzt um Personen, wo gehts um die Sache, also, nicht, dass die menschliche Ebene überhaupt keine Rolle spielt, Probleme lassen sich nicht nur pragmatisch lösen. 

Auf so eine Entwicklung bezogen: Wie stark hat das jetzt einfach mit mir zu tun? Geht mir das gegen den Strich, oder ist das auch eine schlechte Entwicklung für die Institution? 

Diese Abwägung, die kann schon auch mal zu unterschiedlichem Handeln führen. Da hoffe ich, dass es mir gelingt zu unterscheiden, wo ist es jetzt eine Egogeschichte, die mich persönlich trifft, aber eigentlich nichts mit der Sache zu tun hat und wo laufen wir in eine Entwicklung rein, die ich für problematisch halte und die ich nicht möchte.

Ein offensives Umgehen damit ist sicherlich wichtig. Aber was das dann in Handlung konkret heisst, das kann auch mal defensiv sein, wenn ich das Gefühl habe, dass es das Problem besser löst.

KA: Was bewegt einen, der einen so ganzheitlichen Zugang zur Musik hat wie Sie – Komponist, Klarinettist, Dirigent – ein Orchester zu leiten?

BF: Ich empfinde es als eine sehr erfüllende und spannende Tätigkeit, ein Ermöglichen. 

Mich fasziniert diese Musik, die bedeutet mir sehr, sehr viel und ich habe irgendwann in meinem Leben entschieden, dass es für mich das wichtigste ist, das möglichst viele Menschen mit dieser Musik in Berührung kommen und diese Faszination an möglichst viele Menschen übertragen werden kann.

Das kann ich in dieser Funktion glaube ich, mit den Möglichkeiten die ich habe, am besten, und deshalb tue ich das und deshalb ist es mir auch so wichtig, weil es für diese Gattung erst mal unglaublich tolle Werke gibt, die wir unbedingt immer neu lesen müssen und weil ich auch finde, dass diese Gattung auch immer noch neue Werke verdient.

Ich glaube auch, das ist eine der eindrücklichsten Formen des Musikmachens und ich glaube deshalb dass ein Orchester eigentlich sehr gut funktioniert wenn es darum geht, die Leute zu berühren mit Musik, ich glaube dass das ein Orchester sehr gut kann und dass das die große Stärke dieser Gattung ist. 

Schematisiert würde ich sagen: Das Orchester halte ich für die eindrücklichste Form der Musikpräsentation, Musikvermittlung, aber dann schwingt wieder mal so ein Wort mit, das noch was anderes meint, aber deshalb vielleicht der Wiedergabe von Musik.

Deshalb ist das ein sehr gutes Medium um das zu erreichen.

Wenn es nur um die Musik geht sind mir kleine Formen natürlich genauso lieb weil dieses intime und intensive, was in Kammermusik steckt halt auch unglaublich stark ist – aber das kann was anderes. Und Orchestermusik finde ich kann vor allem viele Menschen erreichen und berühren, und das noch direkter einfach auch durch die schiere Masse und durch die grössere Kraft noch mehr . 

Deshalb finde ich das faszinierend und deshalb finde ich das wichtig.

KA: Wenn Sie drei musikalische Wünsche hätten….

BF: Was ich mir sehr wünschen würde, wäre, dass zeitgenössisches Musikschaffen, zeitgenössisches Komponieren wieder den Weg in die Gesellschaft findet und nicht diesen Exotenstatus hat. Das sich da nicht nur eine ganz bestimmte Randgruppe interessiert und sich dieser riesige Graben von fast 100 Jahren wieder schliesst, dieser Graben von fast 100 Jahren im Sinne von dass ich das Gefühl habe, dass ein Großteil unseres Publikums, mal abgesehen von so einer begeisterten Spezies, die nach Donaueschingen und diesen Orten pilgert, dass die eigentlich komplett aufgeschmissen sind und fast nicht in der Lage sind, 100 Jahre Musikgeschichte zu adaptieren oder das in ihre Empfindungswelt, ihre Wahrnehmungswelt zu integrieren.

Das ist tatsächlich etwas, was ich mit einer gewissen großen Verzweiflung betrachte und wo ich mir wünschen würde, dass das irgendwie näher zusammengeht. 

Ich glaube schon dass es das braucht, dieses verstörende oder das Aufbrechen in neue Welten, wie heißt es so schön bei Zarathustra, dass das neue immer auf Taubenfüssen daherkommt und es da nicht so eine riesige Diskrepanz gibt.

KA: Ich frage mich einfach oft: Ich bin professioneller Musiker, habe tatsächlich hunderte von Uraufführungen zeitgenössischer Werke gespielt und wenn nicht einmal ich diese zeitgenössische Musik verstehe…

BF: Ja, das ist sehr klar, dann wünsche ich mir, dass möglichst viele Menschen die in dieser Stadt in diesem Land leben mit dem, was wir tun etwas persönliches verbinden, das es eine Bedeutung hat für möglichst viele Menschen – das ist für mich ganz zentral, dieser Wunsch.

KA: Was wäre der Traum einer Saison, ganz und gar vom Intendanten entworfen – ganz ohne Budgetzwänge?

BF: Diese Utopie ausleben, dass wirklich jeder die Chance bekommt, mit dieser Art Musik in Berührung zu kommen, das wäre schon schön, nicht?

KA: Mich beeindruckt immer wieder: Komponist, Klarinettist, Dirgent, Intendant und im Grunde in jeder musikalischen Sparte mal etwas gewesen – was prägt jemanden, der so breit aufgestellt ist, prägt sein musikalisches Weltbild, als was begreift er sich?

Natürlich begreift er sich jetzt als Intendant, aber: ist immer noch diese kreative Unruhe in ihm drin? Da ist doch eigentlich noch ein Klarinettist, ein Dirigent in ihm drin unterwegs, ein Verkannter?….

BF: Um auf diese Unruhe zu kommen, da läuft es, glaube ich, eher auf die Komponisten-Unruhe hinaus, als auf das andere, aber …..es ist wirklich überhaupt nicht so, dass ich da sitze oder stehe und höre und gucke und irgendwie denke: Ich müsste da jetzt ran. Wirklich überhaupt nicht. 

Aber ich glaube, dass ich immer noch ziemlich gut höre und auch die Werke noch ziemlich gut kenne und auch immer noch Partituren lesen kann. 

Das ist, glaube ich, das wichtigste, das schönste: Immer. wenn ich die Sachen wieder aufschlage und das klingt noch, das ist immer noch da, das ist schon schön…

KA: Das heisst, die eigenen Sachen oder andere?

BF: Die von anderen. Das ist schon schön, wenn man das einfach auch gelernt hat und dass das auch so bleibt…nicht mehr ganz so schnell, das ist logisch, aber ich kann das immer noch und ich höre auch immer noch ziemlich gut.

Und wenn es die Unruhe gibt, dann ist es am ehesten, weil ich Musik denke oder höre und das immer mal wieder für mich im Kopf weiterentwickle, mir aber im Moment nicht die Zeit nehme – und auch nicht gebe – um da wirklich dranzubleiben, um das zu schreiben, aber das ist auch schön, ich kann das jetzt immer noch vorwärtstreiben, ich kanns mir vorstellen und ich könnte immer noch das Papier nehmen um das aufzuschreiben, das ist einfach gut, wenn man das noch kann. 

Aber es ist jetzt nicht so, dass ich da irgendwie ungeduldig frustriert wäre, im Sinne von: „Jetzt habe ich meine Arbeit längst erledigt, dass ich endlich wieder schreiben kann“. 

Ich könnte jederzeit wieder anfangen. 

Ab und an mach ich ja was und ich dirigier auch ab und an mal wieder was, spielen ist halt wirklich vorbei, das müsste ich zwei Jahre lang trainieren, damit wieder was ginge….

KA: Die allgemeine körperliche Fitness, die natürlich wahnsinnig schwer zu erhalten ist, wenn man nicht ständig dranbleibt….

BF: Und das ist natürlich der Vorteil, Dirigieren ist ja nicht so kompliziert, also, natürlich kann man das auch besser und schlechter machen, aber es ist grundsätzlich, von der Technik her, nicht so kompliziert. 

Ich mache dann ganz spezielle Sachen, irgendwelche Uraufführungen, bei Sachen, die sehr kompliziert sind, wo andere Leute wahnsinnig Mühe haben, das zu lernen, das ist dann irgendwie auch gut, weil ich die Sachen anwenden kann, die ich gelernt habe. 

Es fällt einem halt einfacher, wenn man Dinge auch selber schreibt, man relativ schnell adaptieren kann, Stile, Schreibweisen, aber auch selber mal Material angefasst hat, kann man sich das schneller draufschaffen.

Ein Paradebeispiel ist, wenn wir jetzt bei Michael Francis bleiben, der ist ja etwas jünger als ich und der ist jetzt auch kein alter Dirigent in dem Sinne, wo Du schon merkst, diese Zeit, die ich die letzten Jahre damit verbracht habe, mir Gedanken zu machen, wie muss Gesellschaft funktionieren, wie funktioniert Musik in der Gesellschaft und wie können wir Institutionen dahin bringen, dass sie was miteinander zu tun haben, hat er vor dem Orchester gestanden, und das sind Welten. 

Und diese Unterschiede werden immer größer, das ist ja auch faszinierend zu sehen, wie so ein Weg geht und da schätze ich mich schon sehr realistisch ein, dass es mir da nicht brennt unter den Nägeln, auch wenn ich manchmal denke: „Och komm, das ist jetzt eigentlich nicht so schwer“, aber das führt nicht dazu, dass ich denke: Würde ich da jetzt stehen, würde es funktionieren.

KA: Eine verrückte Idee: Warum dirigiert BF nicht einmal im Jahr ein musica viva-Konzert, mit irgendwelchen ganz krassen Werken….

BF: Schauen wir mal…

KA: ….vielleicht auch mit einem originalen Fehlmann, und das ganze unter der Überschrift: Chefsache

BF: (sehr amüsiert) Chefsache…die Träume eines Intendanten! Schaun wir mal!

KA: Was geht in Ihnen vor, wenn alles getan ist, wenn das Licht ausgeht, wenn die Zuschauer still werden und das Konzert beginnt? 

Können Sie ein Konzert noch wirklich geniessen oder geht ihnen vielleicht permanent durch den Kopf, was alles noch passieren könnte?

BF: Also, es gibt sicher auch diese Momente wo ich weiß, wenn jetzt das noch kommt, dann wird es echt eng, das gibt es sicherlich auch mal. Aber ich würde sagen, in 90 Prozent der Fälle setze ich mich da rein und kann – das finde ich das schöne – mich komplett auf die Musik konzentrieren und kann mich komplett darauf einlassen, auf das Werk, auf das Erlebnis. 

Ich höre ja viele Konzerte mehrfach und das hilft warscheinlich auch, dass man das gut kann. 

Es gibt ja schon auch die Möglichkeit, jeden Abend noch ein bisschen besser zu werden. Manchmal lese ich auch unter dem Tag und denke mir so: Das ist mir gestern entgangen, das ist so wichtig, wieso höre ich das nicht, warum erinnere ich mich nicht daran. Und dann nochmal zu hören und zu prüfen, dieses wirklich voll einlassen auf die Musik und in dieser Musik sich bewegen, das ist schön, das ist toll! 

Repetition hilft halt auch, so trainiere ich auch Wahrnehmung, jedes Mal. 

Es ist ja tatsächlich nicht einfach, so eine Aufmerksamkeitsspanne wirklich zu haben, wirklich drin zu bleiben und zu hören.

Natürlich gibts auch Momente wo ich denke: Oh, das muss ich noch machen, das darf ich jetzt nicht vergessen, aber ich würde sagen, zum Großteil bin ich in der Musik und das ist schön!

KA: Ich gestehe, ich bin etwas neidisch auf diese Konzentrationsfähigkeit…

BF: Es ist schon verrückt, wie stark man springt. Ich merke das auch immer wieder. Ich merk das auch beim lesen und…es ist wirklich verrückt, wie selten es das gibt, dass ich wirklich eine Stunde lese und nicht noch: Hier kurz und da noch – und die email beantworte ich auch noch – sondern wirklich: lesen. 

Mehr als eine Stunde schaff ich fast nicht, also nicht nur zeitlich, sondern auch konzentrationsmässig, ist schon verrückt, da war ich auch schon mal besser. Die Konzentration, die Aufmerksamkeitsspanne ist echt ein Thema und das ist natürlich für Musik genau so.

KA: Das Aufwachsen in unserem Luxusghetto, in einer bildungsbürgerlichen Umbgebung, wieweit versperrt es möglicherweise den Blick auf die Umwelt, wie schärfen Sie den Blick für all das, was sich auf den Straßen um SIe herum tut? Lassen Sie das an sich heran, oder betrachten Sie das einfach?

Oder ist das durch die Konzentration auf die berufliche Tätigkeit soweit ausgeklammert, dass das eigentlich keine Rolle spielt?

BF: Doch, es spielt schon eine Rolle, aber ich weiß nicht so genau, wo die Grenze ist zwischen einer relativ objektiven Betrachtung, der Beobachtung und dem Schritt weiter. Wo diese Grenze genau ist, das fällt mir schwer…ich glaube, dass ich relativ gut von dem einen in das andere wechseln kann, sehr gut die Grenze ziehen kann, weiß: OK, Das hat jetzt die und die Konsequenzen, die Wand ist jetzt zu dick zum dagegen anrennen – ich suche nach dem Weg durch die Hecke und finde den Ausweg. 

Man weiß natürlich nie, etwas objektiv zur Kenntnis nehmen und weglegen ist natürlich auch eine Form der Bequemlichkeit, das ist klar und es ist glaube ich niemand davor gefeit. 

Aber ich glaube, ich verzettle mich nicht sehr oft und kann in solchen Situationen sehr genau einschätzen wie meine Ressourcen sind und kann glaube ich auch sehr genau sagen, OK, ich bin für das da, das ist meine Aufgabe, das muss ich zuerst lösen und dann kann ich switchen, dann kann ich wechseln und das sehr schnell und sehr klar. 

Ich glaube, ich kann dann wirklich auch Dinge in dem Moment ausklammern, das ist dann nicht weg aber in dem Moment kann ichs komplett verdrängen, das führt natürlich auch dazu, dass ich ehrlicherweise auf die Fragestellung nicht so genau antworten kann.

Es wäre ein bisschen unvorsichtig zu sagen, dass man genau weiss, wo lass ich das an mich rankommen oder mach ich das nur objektiv? 

Es ist eine Mischung – aber ich bin sehr pragmatisch.

KA: Das Wort „zielorientiert“ passt ja auch genau so auch auf Michael Francis‘  Probenarbeit sehr schön: Es ist nie persönlich, er nimmt einen nie persönlich auf den Kieker, sodern er erwartet, dass man mit ihm den Weg geht, so gut, wie nur irgend möglich….

Was machen Sie in den stillen Stunden, in denen Sie ganz bei sich sind? Kein schreiendes Kind, keine dienstlichen Verpflichtungen – träumen Sie von einer besseren Welt? 

Oder machen Sie sich einfach nur Gedanken über ein Stück, dass Sie komponieren könnten…..

BF:  Ich würde nicht sagen, dass ich von einer bessseren Welt träume, aber ich mache mir Gedanken, ganz explizit, zu meiner Stellung in der Welt, das meine ich nicht im Sinne von gesellschaftlicher Stellung, sondern im Sinne von was das denn bedeutet, dieses grundlegende kommt dann: Ich und Welt und Welt und ich und meine Wahrnehmung und: Wie funktioniert das überhaupt? 

Wie funktioniert Menschsein? Das ist eine spannende Sache, ich mache das gerne, aber nicht so oft….

KA: Was würde BF als Person gerne noch besser können, was würde er gern noch lernen? Eine Fähigkeit, eine Kompetenz….

BF: (langes Nachdenken) Das ist nicht einfach…nicht weil mir nichts einfällt (lacht), es ist mehr die Reihenfolge…ich glaube, was ich wirklich gerne gut können würde, ist so auf der psychologischen Ebene, Beweggründe Verhaltensweisen, Interaktionsmechanismen besser verstehen zu können. Durchschauen ist das falsche Wort, es geht nicht um das, Verstehen trifft es auch nicht ganz, aber: Einordnen, nachvollziehen, sich dem annähern, ich kann es gerade nicht gut formulieren, aber es wäre schon toll, wenn man das gut könnte…

KA: In einer perfekten Welt…..

BF: ….(denkt lange nach)…eigentlich glaube ich, es ist der Respekt, der wirklich gelebt wird und in jedem Moment seinen Platz hat. Der Respekt untereinander und der Respekt für das, was uns umgibt, vom Mensch über die Natur…dann ist der Friede auch die logische Konsequenz. 

Deshalb glaube ich, ist das ein Schlüsselbegriff.

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