Geoffrey Tozer 1954 – 2009

Geoffrey Tozer: Zum Tod eines grossen Pianisten.

Vor kurzem stiess ich in der Online-Ausgabe des „Australian“ auf einen Artikel von Stuart Rintoul: „The life and death of Geoffrey Tozer“. Tief betroffen las ich den traurigen Nachruf auf einen Mann dem das Leben schwer fiel und auf einen Pianisten, der wohl auch vielen seiner Kollegen ein Fremder, eine Randerscheinung blieb. Warum?

Geoffrey Tozer wurde 1954 in Indien geboren, kehrte als vierjähriger in die australische Heimat zurück und zeigte bald ein ungewöhnlich starkes musikalisches Talent.

Mit 9 Jahren trat er zum ersten Mal mit einem Orchester auf und führte bereits als zwölfjähriger (!) die 5 Beethoven-Konzerte öffentlich auf.

Nach Erfolgen auf internationalen Wettbewerben stürzte er sich ins weltweite Konzertleben und erlebte 1988 mit der Veröffentlichung der Klavierkonzerte von Nikolai Medtner seinen grossen internationalen Durchbruch.

Etwa zu dieser Zeit stiess auch ich zum ersten Mal den Namen Geoffrey Tozer und kaufte mir die CDs.

Welche Offenbarung! Zum einen natürlich die Entdeckung völlig zu Unrecht vergessener Konzerte der Spätromantik – welche Meisterwerke die 3 Konzerte von Medtner sind war damals beileibe noch nicht Allgemeingut, die Aufnahmen von Nikolai Demidenko, Dmitri Alexeev oder Geoffrey Douglas Madge kamen erst Jahre später und die alte Michael Ponti-Aufnahme des 3.Konzerts war schwer zu beschaffen.

Der Geniestreich des 1.Konzerts etwa, in dem Medtner sämtliche Formprinzipien nicht nur über den Haufen wirft sondern neu erfindet. Das ernste 2.Konzert, in dem Klavier und Orchester eng verzahnt miteinander um das thematische Material kämpfen, oder das glänzende, extrovertierte 3.Konzert.

All dies interpretiert von einem hervorragenden Orchester (Philharmonia), einem kompetenten Dirigenten (Neeme Järvi) und eben von Geoffrey Tozer, der in den folgenden Jahren bei Chandos in dichter Folge Platte um Platte herausbringen sollte, fast immer mit ungewöhlichem, eher am Rande liegenden Repertoire: Die Werke für Klavier und Orchester von Respighi, das 3.Konzert von Tschaikowsky, Konzerte von Rimsky-Korsakov, Roberto Gerhard und Rawsthorne, Klavierwerke von Busoni und Bartok und, natürlich, von Medtner, für Tozer eine Lebensufgabe.

So nahm er neben 2 CDs mit Liedern, den Klavierkonzerten und den ersten zwei Violinsonaten (mit Lydia Mordkovitch) praktisch das gesamte Soloklavierwerk auf.

Diese Aufnahmen begleiten mich seit langer Zeit auf meinem iPod und immer wieder entdecke ich neues darin und kann nicht aufhören zu staunen: Über die komplexen Meisterwerke eines Komponisten, der bis heute ein Geheimtip geblieben ist und über seinen Interpreten.

Welch ein Wunder etwa die Aufnahme der beiden Sonaten Op.53: In der ersten (Sonata Romantica), noch eine der häufiger von Pianisten aufs Programm gesetzten, überrascht Tozer mit grosser emotionaler Zurückhaltung und bringt gerade auf diese Weise das Werk zu grosser Wirkung. Die zweite Sonate (Sonata minacciosa) zeigt einen verwandelten Pianisten: Tozer spielt, als ginge es um sein Leben. Gegensätze treibt er bis ins Extrem, so sehr er den Flügel in den langen virtuosen Strecken an die Grenzen seiner klanglichen Möglichkeiten treibt, so sehr berühren die lyrischen Passagen an der Grenze des Verstummens.

Dies vor allem war eine Qualität Tozers: Nie wirkt etwas nur gleichgültig heruntergespielt, immer ist eine Aussage in seinem Spiel zu hören, eine verletzliche innere Stimme die insbesondere in den leisen, lyrischen Passage aufs tiefste berührt.

Alles in allem eine Aufnahme die jeder Pianophile gehört haben sollte, nicht nur wegen des Pianisten sondern auch wegen des Repertoires, denn nirgendwo anders kann man Medtner in solcher Vollständigkeit hören.

Geoffrey Tozer starb nach einer langen Zeit des Rückzugs vom Podium im Oktober 2009 in Melbourne, im Alter von nur 55 Jahren .

Uns bleiben Seine Aufnahmen, das Vermächtnis eines ebenso unangepassten wie aussergewöhnlichen Musikers. 

Eine Überraschung? Nein – aber eine Sensation!

Manchmal hat man in der Musik das Glück, etwas so einzigartigem, so speziellem und so wunderbaren zu begegnen dass Worte kaum genügen um es zu beschreiben.

Es müssen etwa 100 Aufnahmen des 3.Klavierkonzerts von Rachmaninow in meinem Plattenschrank sein – die frühen Aufnahmen des Komponisten selbst, Horowitz (alle drei! Und natürlich auch die halb-offiziellen), der souverän-entspannte Van Cliburn (ich liebe diese Aufnahme!), der weissglühende Zoltan Kocsis, der technokratisch-brillante (und das Stück verträgt auch das..) Alexis Weissenberg, die spontane Martha Argerich, Earl Wilds rasante Aufnahme aus den 60ern (mit dem grossen Jascha Horenstein – orchestral wohl die beste Aufnahme), natürlich Vladimir Ashkenazys vier (!) Aufnahmen die ein Vierteljahrhundert der Entwicklung und Veränderung nachzeichnen – nun, nicht zu vergessen meine eigene Aufnahme….

Doch nun, nach 18 Jahren des Nachdenkens und der Prüfung, hat Grigory Sokolov der Deutschen Grammophon die Erlaubnis gegeben seinen Mitschnitt aus London von 1999 zu veröffentlichen.

Begleitet wird er vom BBC Philharmonic unter der Leitung von Yan-Pascal Tortelier. Begleitet? Viel mehr als das, Tortelier zeigt sich als echter Partner, setzt ganz eigene symphonische Akzente in dem schwierigen Orchesterpart der immer wieder eine Herausforderung darstellt.

Und Sokolov? Er spielt das so oft als Virtuosenstoff missbrauchte, fast schon zum Wettbewerbsfinal-Standard erniedrigte Werk auf eine Art und Weise, die man nur als wissend bezeichnen kann, mit Worten wie Autorität, Kompetenz und Souveränität.

Seine Tempi brechen keine Geschwindigkeitsrekorde, geben ihm jedoch die Freiheit jede Note des Werks zu geniessen. Sokolov macht in jedem Moment klar wie gut er das Werk kennt, wie sehr er jede Melodie, jede Harmonie und jeden Kontrapunkt in sich aufgenommen hat.

Sein Klang reicht vom zartesten pianissimo bis hin zum stärksten fortissimo – doch niemals lässt er das Klavier schreien, Sokolovs farbiger, voller Klang ist von der ersten bis zur letzten Note ein einziges Vergnügen.

An einigen Stellen verblüffte mich Sokolov mit einigen unerwarteten Dynamiken, plötzliche pianissimi, überraschende Temporückungen. Wer könnte mein Erstaunen beschreiben als ich in die Noten schaute („..was hat er sich denn da ausgedacht..?“) und feststellen musste dass Sokolov ganz einfach das spielt was in den Noten steht, keinesfalls immer die naheliegendste, bequemste Lösung und doch eben diejenige des Komponisten – und wer wusste mehr über das Klavier und seine klanglichen Möglichkeiten als Rachmaninov selbst?

Sokolov spielt alle ossia-Versionen die der Komponist anbietet – die lange Kadenz im ersten Satz und 3 oder 4 kleine Änderungen die dem nicht-Pianisten wohl kaum auffallen werden. Und hier ist nun ein Moment der zeigt, welche einsamen Höhen als Pianist er erreicht hat, aus welchen Möglichkeiten er wirklich schöpfen kann: Vier Takte nach Ziffer 58 im letzten Satz (bei Timecode 8′ 30″ und folgende) hat der Komponist zwei Möglichkeiten gelassen: Ein verhältnismässig einfach zu spielender (da sehr gut in der Hand liegender) Aufgang in Es-Dur oder ein wirklich scheusslich unangenehm zu spielender (und ich habe meine Hausaufgaben gemacht…) Fingerbrecher in Doppelnoten der rechten Hand und einer voller kontrapunktischer Widerhaken steckenden Gegenstimme der linken.

Zu erwähnen, dass Sokolov das im Tempo spielt ist wohl die überflüssigste Bemerkung des Jahres. Dass er alle Noten spielt ohne sich das Leben leichter zu machen ist auch kaum sensationell zu nennen. Was diesen Moment aber zum Ereignis werden lässt, ist dass er diesen wenigen Sekunden eine poetische Qualität gibt, dass er eben nicht nur einen etwas verschraubten Lauf aufsteigen lässt sondern ihm den Klang eines Bächleins gibt, das rasch und gurgelnd über kleine Steine fliesst – unvergesslich, wenn man es einmal gehört hat!

Ich hörte diese Aufnahme während eines meiner langen Waldspaziergänge und ertappte mich plötzlich dabei, ständig von einem Ohr zum anderen zu grinsen – was sonst gar nicht meine Art ist. Es kommt sehr selten vor, dass mich eine Aufnahme so restlos glücklich macht wie diese, sie sei jedem dringend – nein, dringendst! – empfohlen!